Box-Weltmeister Arthur Abraham : Zwischen Liebe und Härte

Wie sich Arthur Abraham und Trainer Ulli Wegner auf den WM-Kampf gegen Robert Stieglitz vorbereiten. Ein Traininsbesuch.

von
Zwei Box-Generationen. Trainer Ulli Wegner mit Boxer Artur Abraham im Trainingslager von Kienbaum.
Zwei Box-Generationen. Trainer Ulli Wegner mit Boxer Artur Abraham im Trainingslager von Kienbaum.Foto: dpa/Settnik

Unter dem Mittagstisch nestelt Arthur Abraham an seinem Smartphone. Plötzlich holt er das Ding hervor. „Guckt mal, was mir mein Trainer eben geschrieben hat“, sagt Abraham. „I love you!“ Dann schmunzelt Abraham und beginnt mit dem Mittagessen.

Sein Trainer, das ist Ulli Wegner, und der sitzt ihm genau gegenüber. Wegner ist der große, alte Mann des deutschen Boxens. 73 Jahre, wache Augen, breite Hosenträger überspannen den Bauch. „Diese Mistdinger! Die Jungs sind den ganzen Tag mit ihren Telefonen beschäftigt“, sagt Wegner.

Ulli Wegner kommt aus einer anderen Zeit. Jahrgang 1942, geboren in Stettin. Wegner wuchs in der DDR auf, boxte selbst aktiv, ehe er Landes-, Sichtungs- und schließlich Bundestrainer wurde. Seine Boxer zählten zu den erfolgreichsten des Landes. Dutzende Medaillen sammelten seine Sportler bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. 1996 wechselte er zum Berliner Profistall Sauerland Event. Dort formt Wegner Weltmeister wie Markus Beyer, Sven Ottke oder Marco Huck. Und natürlich Arthur Abraham, Weltmeister im Super-Mittelgewicht.

Arthur Abraham stammt aus Armenien, geboren 1980 in Jerewan als Avetik Abrahamyan. 1995 kam er mit seiner Familie als Spätaussiedler nach Deutschland. Das Boxen gab ihm die Chance zum Aufstieg. Im Mittelgewicht schlug er alles, was kam, er war jahrelang ungeschlagener Weltmeister. Abraham wurde Deutscher, reich und berühmt, weil er mal mit einem doppelt gebrochenem Kiefer weiterboxte und gewann. Eine Klasse höher gab es ein paar böse Niederlagen, er hat es aber auch dort zum Titel gebracht. Sechsmal wurde Abraham Deutschlands Boxer des Jahres. Zwölf Jahre arbeiten die beiden zusammen.

Es könnte Liebe sein. Aber so etwas würde Wegner nie sagen, geschweige in ein Mobiltelefon tippen. Wegner führt straff, gerade Abraham, der das Leben liebt und nach Auffassung seines Trainers mit hundert anderen Sachen beschäftigt ist. „Im Leistungssport gibt es keine Demokratie“, sagt Wegner und schaut zu Abraham. „Waaaas?“, sagt Abraham unschuldig und legt sein Handy weg. „Ich höre doch zu, Trainer.“

Es sind Tage und Wochen wie diese, die die beiden kennen, fürchten, aber auch schätzen. In der Vorbereitung auf einen Kampf ist ihr Miteinander ein inniges und intensives. In Juni ging es an die Ostsee, Grundlagen- und Ausdauertraining. Dann sind sie nach Kienbaum gezogen, ins Bundesleistungszentrum. Hier, 35 Kilometer südöstlich von Berlin gelegen, wurden einst DDR-Athleten getrimmt, unter anderem in einer geheimnisumwitterten Unterdruckkammer. Von 1952 bis 1990. Nach der Wiedervereinigung konnte die Anlage für den gesamtdeutschen Leistungssport erhalten bleiben. Hier gibt es alles für den Sport. Wald, Wasser und ganz viel Ruhe. Abraham fallen fast die Augen zu. Die Vormittagseinheit hatte es in sich. Am 18. Juli boxt er in Halle/Westfalen gegen Robert Stieglitz. Es ist das vierte Duell der beiden. Das erste (2012) und bisher letzte Duell (2014) gewann Abraham, 2013 war Stieglitz Abbruchsieger.

Mit 37 Jahren möchte Abraham aufhören

Arthur Abraham ist jetzt 35 Jahre alt. Für Leistungssportler ist es ein Alter, in dem man langsam ans Aufhören denken kann. Nicht alle treffen den richtigen Zeitpunkt. Gerade Boxer nicht. Schön, Floyd Mayweather ist 38, hat im Mai den lukrativsten Boxkampf aller Zeiten gewonnen, das Duell mit dem philippinischen Volkshelden Manny Pacquiao. Dafür kassierte er 160 Millionen US-Dollar. Vor einigen Jahren hat Abraham mal gesagt, dass er 50 Millionen Euro zusammenboxen möchte, ehe er aufhört. Dafür hätte er in Amerika boxen und alles gewinnen müssen. Aber auch so ist sein Auskommen gesichert. „Er lebt nicht mehr in Not“, wie es Ulli Wegner ausdrückt. Früher, als Arthur Abraham „keinen Pfennig“ in der Tasche hatte, sei er demütiger und leichter führbar gewesen. „Das Boxen war Arthurs Lebenschance.“

Und noch möchte er sie ein wenig auskosten. „Ich habe meinen Vertrag bei Sauerland bis 2017 verlängert“, sagt Abraham. Mit 37 Jahren soll dann Schluss mit dem Boxen sein. Aber was, wenn der Berliner den Kampf gegen Stieglitz verliert? „Wir wollen die Angelegenheit endlich klarstellen, alles andere wäre eine Katastrophe“, sagt Wegner. „Wenn wir Stieglitz nicht schlagen, bin ich am Ende. Arthur ist Kern unseres Unternehmens.“

Uli Wegner richtet sich auf und hebt den Zeigefinger seiner rechten Hand. Arthur könne sich nur selbst schlagen. Wenn er sein Können ausschöpft, habe der Stieglitz keine Chance. „Ich möchte, dass Arthur ihn endlich mal umhaut“, sagt Wegner. „Wenn Sie das sagen, ist es Gesetz“, sagt Arthur im ruhigen und freundlichen Ton. Er weiß, dass Wegner ihm die Trägheit noch immer ausgetrieben hat. Ist ja auch nicht so einfach, sich gegen einen Gegner zu motivieren, den man schon dreimal geboxt hat. Worte wie Ehre und Stolz fallen Wegner aus dem Mund. Damit will er seinen Schützling packen und zur Schinderei verführen. „Im Endeffekt muss Arthur diesen Kampf für die Zuschauer gewinnen, um ihnen etwas zurückzugeben“, sagt Wegner.

„Ich habe es nicht mehr nötig, aber ich liebe diesen Sport. Ich liebe es, mich zu quälen, ich liebe den Schweiß“, sagt Abraham und blinzelt in die Sonne. Mit dem Gegner beschäftigen sich Wegner und Abraham nur am Rande. Jeder wisse, dass es für Stieglitz die letzte Chance sei, deshalb „wird er starten wie eine Rakete, aber wir sind schlau“, sagt Abraham mit einem charmanten Singsang in der Stimme. „Wir werden jeden stoppen, der uns was will.“ Stieglitz schlage viel, aber nicht hart, er könne nichts Neues bringen, weil ihm dafür die Technik fehlte. Wegner bescheinigt Stieglitz eine tolle Moral, sagt aber auch: „Er ist eindimensional, geht nur nach vorn.“ Das sei seine ganze Taktik.

Ulli Wegner hat sich gegen die Mittagssonne ein Radler bestellt und in den Schatten gesetzt. „Ich bin wie ein Pfarrer“, sagt er. Gebetsmühlenartig wiederholt er täglich die Übungen und teilt seine Gedanken mit. „Es muss alles im Kopf nachklingen“, sagt Wegner, sonst entfaltet es keine Wirkung. Denn wenn sein Schützling zuhöre und sein Können abrufe, sei dieser nicht zu schlagen. „Aber er muss physisch und psychisch investieren.“

Arthur Abraham schiebt seinen leeren Teller beiseite. Es gab Pute und Tomaten. Jetzt eine Stunde Mittagsruhe. Um 16 Uhr beginnt das Sparring. Noch wenige Tage bis zum Kampf. „In der letzten Woche gebe ich mein Handy ab, Trainer.“

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben