Boxen : Das Wunder mit dem Sixpack

Heute beginnt das Turnier mit sechs Super-Mittelgewichtsboxern – ein Kraftakt, der Fans anlockt.

Ingo Schmidt-Tychsen
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Dosiert grimmiger Blick. Jermain Taylor (links) und Arthur Abraham geben sich pflichtbewusst, aber nicht besonders engagiert vor...dpa

Berlin - Es war ein Abend Anfang Mai, als Kalle Sauerland mit seiner Frau auf dem Sofa saß. Die beiden schauten fern, und Kalle Sauerlands Frau fing an, Fragen zu stellen. Fragen zum Boxen. Wie sehr viele andere Fans wollte sie wissen: „Warum kämpft der nicht gegen den, warum kommt dieser Kampf nicht zustande“, erzählt Kalle Sauerland. Sauerland ist wie sein Vater Wilfried Boxpromoter, und so richtig schlüssig konnte er die Fragen seiner Frau trotzdem nicht beantworten. Wegen der vielen verschiedenen Boxställe und deren Interessen gibt es gleich mehrere Weltmeister pro Gewichtsklasse, wirklich große Kämpfe sind deshalb selten. Zufällig hatte Kalle Sauerland am gleichen Tag, Anfang Mai, mit dem Manager des Pay-TV-Senders „Showtime“ aus den USA gesprochen, der einige Spitzenkämpfe im Super-Mittelgewicht organisieren wollte. „Ich fragte mich also, wie man verbandsübergreifend den besten Boxer der Gewichtsklasse ermitteln kann? Es musste ein Turnierformat sein“, sagt Sauerland.

Ein halbes Jahr nach diesem Abend im Mai und unzähligen zähen Verhandlungen beginnt das Turnier an diesem Samstag tatsächlich (ab 23 Uhr, live in der ARD). Arthur Abraham trifft in der wahrscheinlich ausverkauften Arena am Ostbahnhof auf Jermain Taylor. Der Deutsch-Armenier Abraham, der in Berlin lebt, hat seinen Titel im Mittelgewicht nach zehn erfolgreichen Verteidigungen niedergelegt und ist eine Gewichtsklasse aufgestiegen, um am „Super Six“ teilnehmen zu können. Seinem heutigen Gegner, dem 31 Jahre alten US-Amerikaner Taylor, gehörten schon einmal die Titel aller vier Verbände im Supermittelgewicht (WBA, WBC, IBF und WBO), nachdem er 2005 überraschend Bernard Hopkins geschlagen hatte. Nach und nach verlor Taylor seine Titel jedoch wieder, bis er im April auch seinen letzten Gürtel an den Briten Carl Froch abgeben musste.

Froch tritt heute im Rahmen des Turniers in Nottingham gegen die 27 Jahre alte amerikanische Hoffnung Andre Dirrell an. Der Olympiasieger von 2004, Andre Ward (USA), und WBA-Champion Mikkel Kessler tragen den dritten Vorrundenkampf der ersten Runde des „Super Six“ aus. Der Däne Kessler gilt vielen Experten als bester Boxer der Welt.

Die sechs Boxer (Abraham, Taylor, Froch, Dirrell, Ward und Kessler) bestreiten innerhalb eines Jahres jeweils drei Vorrunden-Kämpfe. Das Punktesystem erinnert dabei an Mannschaftssport: Für einen K.-o.-Sieg gibt es drei, für einen Punktsieg zwei und für ein Unentschieden einen Punkt. Die vier Punktbesten tragen dann das Halbfinale aus. Dabei trifft der Punktbeste auf den Vierten der Tabelle. Der Sieger des Finales, das im Sommer 2011 stattfinden soll, ist schließlich Superchampion. Sollte ein Boxer während des Turniers wegen einer schweren Verletzung für längere Zeit ausfallen, „stehen gute Ersatzleute bereit“, sagt Promoter Wilfried Sauerland. Dass sich die sechs Boxer und ihre insgesamt fünf Promoter auf ein Turnier verständigen konnten, sei „ein kleines Wunder“, findet Chris Meyer, der Geschäftsführer des Boxstalls Sauerland Event.

Das „Super Six“ hat das Interesse der Berliner am Boxen offenbar geweckt. Im Vorfeld des Turniers waren die Funktionäre lange skeptisch gewesen, ob die Arena am Ostbahnhof mit ihren mehr als 14 000 Plätzen nicht zu groß für einen Boxkampf sei. Die letzte Titelverteidigung Arthur Abrahams im Mittelgewicht hatte Ende Juni in der Schmeling-Halle stattgefunden – vor rund 6000 Fans.

Die Fans in Berlin sind Arthur Abraham wichtig. Aber es ist für ihn auch seit langem ein Thema, mehr Anhänger auf der anderen Seite des Atlantiks zu gewinnen. Auch deshalb ist er das Wagnis eingegangen und hat seinen Gürtel im Mittelgewicht niedergelegt – die stattliche Börse bei dem Turnier dürfte natürlich auch nicht von allzu geringer Bedeutung gewesen sein. „Ich will in den USA die großen Kämpfe machen. Um als Boxer anerkannt zu werden, muss man in den USA von den Fans geliebt werden“, sagt Abraham. Als Superchampion wäre ihm diese Liebe sicher. Auf dem Weg dorthin warten allerdings fünf schwere Kämpfe. Der erste heute Abend.

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