Sport : „Brandenburg ist schon weiter als Berlin“

Die beiden Präsidenten der Landessportbünde, Hans-Dietrich Fiebig und Peter Hanisch, über die Zusammenarbeit ihrer Verbände

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Die Politik zögert mit einer Fusion von Berlin und Brandenburg. Könnte der Sport da nicht Vorbild sein?

FIEBIG: Vorbild ist nicht der richtige Ausdruck. Man hat es bei der Zusammenlegung von ORB und SFB gesehen: Wenn die politischen Rahmenbedingungen nicht stimmen, dann wird es kompliziert. Gerade den Sport mit seinen ungeheuer vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten darf man nicht einfach so zusammenwerfen.

HANISCH: Allerdings. Man muss die Zusammenarbeit der beiden Länder wachsen lassen. Viele Verbände kooperieren nicht nur, sie haben bereits fusioniert. Schon ein Dutzend unserer Verbände wie die Reiter haben einen gemeinsamen Dachverband gegründet. Wir versuchen, das Verbindende zu pflegen. Das Geld wird ja nicht mehr, deshalb müssen wir unsere Ressourcen optimieren, zum Beispiel bei der Förderung des Leistungssports.

Aber dann könnten Sie doch auch gleich fusionieren, oder?

FIEBIG: Man muss aufpassen, dass der Sport nicht zwischen die Fronten gerät. Wenn wir zusammengehen, hätten wir aber sicher viel mehr Vorteile als Nachteile.

HANISCH: Früher haben wir immer in den Kategorien eines Stadtstaates gedacht. Aber wir haben viel gelernt. Die Bedürfnisse in der Stadt sind ganz andere als die auf dem flachen Land. Da sind auch Toleranz gefragt und gegenseitiges Verständnis.

Wenn Sie fusionieren, würden Sie viel Geld sparen, das Sie in den Leistungs- und in den Breitensport investieren könnten.

HANISCH: Das hat sich auf kleinerer Ebene schon bewährt. Ich weiß, dass viele Fachverbände ihre Meisterschaften gemeinsam organisieren. In manchen olympischen Sportarten können wir uns in Berlin und Brandenburg auch nur noch ein Leistungszentrum leisten. Da wo die besten Ressourcen sind, die besten Sportler, die besten Trainer, die besten Sportstätten, da wird eben gefördert.

FIEBIG: Man darf auch nicht vergessen, dass viele Dinge dranhängen, wenn man eine Sportart in Brandenburg oder in Berlin konzentriert.

Was denn zum Beispiel?

FIEBIG: Das gesamte System der Talentfindung. Man kann nicht 1000 Schüler zum Probetraining einladen und dann sehen, was daraus wird. Das System Leistungssport lebte in den vergangenen Jahren mehr oder weniger zufällig. Aber Sport ist ein Lebensweg, Sport prägt für eine ganze Zeit einen jungen Menschen, gerade auf dem flachen Land. Dort haben wir auch noch die größten Entwicklungspotenziale. Die Menschen dort sind noch relativ unverbraucht, auch noch nicht so stark beeinflusst wie ein Stadtkind.

Wie wollen Sie denn die Talente auf dem flachen Land finden?

FIEBIG: Wir haben ein System von Leistungszentren aufgebaut. Dort finden dann Überprüfungswettkämpfe statt, Schnupperkurse, Sichtungswettkämpfe.

HANISCH: Wir haben zwei große sportliche Probleme in Deutschland. Das eine ist, dass wir von allen europäischen Nationen die größte Drop-out-Rate haben, etwa 70 Prozent. Wir haben viele Jugend- und Junioren-Europameister, aber sie hören irgendwann auf. Ein Grund dafür ist die Angst vor der Zukunft. Wir haben die Pflicht, den jungen Menschen eine berufliche Perspektive zu geben.

Das zweite Problem…

HANISCH: …ist die Talentsuche. Im Kindergarten und in der Grundschule werden die Kinder nicht mehr gezielt an den Sport herangeführt. Im Turnen, in der Leichtathletik und im Schwimmen sind wir weit zurückgefallen, weil viele junge Menschen nicht mehr bereit sind, sich anzustrengen und sich anleiten zu lassen von qualifizierten Trainern. Da wären wir dann beim Thema Eliteschulen. Die Schüler sollen dort die sportliche, aber auch die berufliche Mitgift bekommen. Ein junger Mensch im Alter von 15, 16 Jahren muss heute 25 Stunden in der Woche trainieren, um den Anschluss zu finden. Dazu kommen dann 25 Stunden Schule. Macht 50 Stunden. So eine Belastung macht kein gewöhnlicher Arbeitnehmer mit.

Sind denn die Probleme bei der Talentfindung in Berlin und Brandenburg identisch?

FIEBIG: Ich glaube, wir sind ein wenig weiter.

HANISCH: Stimmt. Wir sind auch bei den Eliteschulen gerade im Abwärtstrend. Mehr als die Hälfte der Schüler an diesen Eliteschulen sind Breitensportler oder Nichtsportler. Dadurch verflacht das ganze System.

FIEBIG: Das ist ein gutes Beispiel. Wenn die Probleme ähnlich sind wie in Brandenburg, müssen wir sehen, dass wir ein einheitliches Niveau schaffen.

HANISCH: Wenn wir ein Talent in Berlin haben und keine adäquate Sportschule, wäre es dumm, wenn wir es nicht nach Potsdam in die Förderklasse schicken würden. Umgekehrt habe ich viele Schüler aus Potsdam, aus Schwedt, aus Frankfurt/Oder in Berlin. Nur gibt es da ein Hindernis: Wenn ein Kind fürs Wohnen und die Vollpension im Zehn-Quadratmeter-Zweibettzimmer 450 Euro bezahlt und in Potsdam nur 250, dann stimmt etwas nicht. Der Senat war bisher nicht der Lage, das zu korrigieren.

Und wenn die Kinder 2012 Olympiateilnehmer werden, wer darf sich dann die Medaille anrechnen?

HANISCH: Beide.

FIEBIG: Wo ist das Problem? Das machen wir zum Teil jetzt schon.

HANISCH: Nehmen Sie Ronald Rauhe. Der kam zu mir und hat gesagt, ich wechsele nach Potsdam, weil ich da mein Zweier-Kanu fahre. Man muss auch loskommen von dem System der Kaderzählerei. In der Sportgymnastik schicken wir alle Talente, die weiter sind als der C-Kader, woanders hin, nach Schmieden oder Wattenscheid – und die Trainer können sich das trotzdem zurechnen lassen.

Wer hat denn in Athen mehr Goldmedaillen gewonnen?

FIEBIG: Wir hatten fünf.

HANISCH: Wir drei.

FIEBIG: Siehst du, wir sind wirklich weiter. Ein anderer Grund dafür ist: Wir haben inzwischen reine Sportschulen. Wir schulen dort nur noch Kinder ein, die für diese Sportarten auch geeignet sind. Außerdem haben wir die Stundenanzahl der Lehrer erhöht, so dass der Unterricht flexibler erteilt werden kann.

HANISCH: Das wollen wir auch.

FIEBIG: Uns tut aber vor allem eins weh. Wenn ein Junioren-Weltmeister nach Hause kommt und sagt: Tut mir leid, ich gehe in den Westen, weil ich hier keine Arbeit finde. An dieser Stelle kommen wir nicht weiter, weil wir wirtschaftlich nicht stark genug sind. Wir sind jetzt dran an einer Kooperationsvereinbarung mit unseren Universitäten, damit wir wenigstens für unsere studierenden Sportler gute Bedingungen schaffen.

HANISCH: Daran arbeiten wir auch. Es kann nicht sein, dass eine Sportlerin die Schwimm-Europameisterschaften unterbrechen muss, um für eine Klausur nach Hause zu fliegen.

Könnte es eine Fusion der Landessportbünde überhaupt vor einer Fusion der Bundesländer geben?

HANISCH: Das wäre nicht ratsam und auch nicht effizient, weil wir getrennte Haushaltsführungen haben.

Fordern Sie denn die Länderfusion ausdrücklich?

FIEBIG: Fordern wäre zu viel gesagt, aber wir unterstützen sie.

HANISCH: Ich gehe einen Schritt weiter. Meine Erfahrung ist: Ohne die Region ist Berlin verloren.

FIEBIG: Für den Sport liegen die Vorteile auf der Hand. Ich frage zum Beispiel die Berliner Radsportler: Was wollt ihr euch so lange rumquälen mit euren Straßensperren? Wir haben das ganze Land, also trainiert doch im Leistungszentrum Cottbus oder in Frankfurt/Oder. Die Wettkämpfe können wir dann wiederum in Berlin veranstalten.

HANISCH: Und dann ist vielleicht in Treptow ein Sportplatz frei, und nebenan fehlt einer. Wir müssen uns von solchen blöden bürokratischen Dingen lösen.

Das Gespräch führten Robert Ide und Friedhard Teuffel.

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