Brasilien 2014 : Weltmeister im Hinterherhinken

Brasilien will 2014 die beste WM der Geschichte ausrichten, doch das Riesenland kämpft mit gewaltigen Organisationsproblemen. São Paulo möchte die Eröffnung - ohne Geld oder Bauland zu stellen.

Tobias Käufer
Eine von vielen Baustellen. In Rios Maracanã-Stadion soll das WM-Finale stattfinden, doch die Renovierung verzögert sich.
Eine von vielen Baustellen. In Rios Maracanã-Stadion soll das WM-Finale stattfinden, doch die Renovierung verzögert sich.Foto: AFP

In der Stunde der größten Trauer versprach Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva seinen Landsleuten, was sie hören wollten: „Wir werden die beste WM aller Zeiten auf dem Planeten organisieren“, sagte der mächtigste Politiker Lateinamerikas, als in Südafrika noch der WM-Ball rollte. Das bittere Ausscheiden der „Seleção“, bereits zum zweiten Mal in Folge in einem Viertelfinale, hatte da das ganze Land in einen kollektiven Kater versetzt. Die Zielsetzung für die kommenden Titelkämpfe im Jahr 2014 in Brasilien sind klar: Der Gastgeber will sich als neue Supermacht präsentieren, den Titel gewinnen und ganz nebenbei auch noch eine perfekte Organisation hinlegen.

Das Land, flächenmäßig etwa 25-mal so groß wie Deutschland, sieht sich trotz der beiden vergangenen WM-Pleiten in Deutschland und Südafrika immer noch als die führende Weltmacht des Fußballs. Die Voraussetzungen sind eigentlich nicht schlecht. Erst in dieser Woche meldete das Land die höchsten Steuereinnahmen in der Geschichte, riesige Ölfunde vor der Küste und Wirtschaftsprognosen, die so manchen europäischen Politiker vor Neid erblassen lassen. Brasilien und ganz besonders Rio de Janeiro als Gastgeber der Olympischen Sommerspiele 2016 werden in den nächsten Jahren zum Nabel der Sportwelt werden. So weit die Theorie. In der Praxis zieren aber tiefe Sorgenfalten die Stirn der Manager des Fußball-Weltverbands Fifa.

Das Land hinkt hinter dem Zeitplan hinterher. Die Arbeiten zu den Neubauten oder Komplettsanierungen der ausgewählten Stadien in den zwölf WM-Spielorten haben noch nicht einmal begonnen. Bereits vor der WM in Südafrika hatte Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke die kommenden Gastgeber, die trotz der vielen Probleme erstaunlich selbstbewusst auftraten, hart kritisiert: „Viele der Fristen sind abgelaufen und nichts ist passiert. Das ist unglaublich.“ Bald werden Fifa-Inspekteure ins Land kommen, um zu überprüfen, wie weit die Arbeiten schon fortgeschritten sind. Viel zu sehen werden sie wohl nicht bekommen.

Wie schwierig die Situation ist, zeigt der Streit um das Morumbi-Stadion in São Paulo, der größten Metropole Brasiliens. Das Problem: Der Profi-Klub FC São Paulo ist Eigentümer der Arena, deshalb sollen keine Steuergelder für die Renovierung ausgegeben werden. Die Stadt pocht aber darauf, dass in der Metropole das Eröffnungsspiel stattfindet, wenn schon die Olympischen Spiele in Rio ausgetragen werden. Doch ein Grundstück für einen Neubau will die Verwaltung auch nicht bereitstellen. Eine WM ganz ohne São Paulo ist aber schlichtweg nicht vorstellbar. In den letzten Monaten seiner Amtszeit ist von Präsident Lula da Silva noch einmal Verhandlungsgeschick gefragt, um die politische Zockerei der Beteiligten zu beenden. Schon jetzt steht fest: Die WM 2014 wird bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen – Lula darf nicht erneut kandidieren – zu einem Wahlkampfthema.

Noch hat in Brasilien auch niemand so eine richtige Vorstellung davon, wie eine Weltmeisterschaft mit derart riesigen Distanzen zwischen den Spielorten funktionieren kann. Das am heftigsten diskutierte Modell ist, das Land in vier Regionen aufzuteilen: Nord, Ost, Süd und West und den Spielplan daran auszurichten. Das hätte für die beteiligten Teams wie auch deren Fans den Vorteil, nicht stundenlange, teure Flüge zwischen den Spielen absolvieren zu müssen.

Zumindest steht fest, wo am 13. Juli 2014 nach dem Willen der Brasilianer ihre Seleção den Pokal in den Himmel recken wird. Das legendäre Maracanã-Stadion wird für etwa 325 Millionen Euro grundsaniert. Gut zweieinhalb Jahre sollen die Arbeiten dauern, die – wenn alles gut geht – im Herbst beginnen. Das Problem: Die dazu notwendigen Aufträge an die Bauunternehmen sind noch nicht vergeben.

Irgendwie erinnert das organisatorische Chaos auch an die sportliche Situation rund um die Nationalmannschaft: Nach dem sportlicher Desaster in Südafrika warten die Fans auf eine Entscheidung des mächtigen Verbandsbosses Ricardo Teixeira, wer nach dem glücklosen Carlos Dunga auf dem Schleudersitz des Cheftrainers Platz nehmen wird. Kandidaten gibt es einige: die beiden erfolgreichen WM-Trainer Carlos Alberto Parreira oder Luiz Felipe Scolari, Corinthians-Trainer Mano Menezes, der ehemalige Milan-Coach Leonardo oder der ewig gehandelte Wanderley Luxemburgo. Zumindest in dieser Frage scheint das Warten bald ein Ende zu haben: Am 25. Juli soll der neue Chefcoach vorgestellt werden, hat Verbandschef Teixeira versprochen. Er soll einer neuen, verjüngten Mannschaft Struktur und Perspektive verleihen. Vorgaben, die auch den bislang schleppenden WM-Vorbereitungen gut zu Gesicht stehen würden.

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