Sport : Bundesliga 2000/2001: Schon heute - ein Rückblick auf diese Saison

Markus Huber (München),Armin Lehmann

Matthias Sammer sitzt einsam auf seinem Platz und schweigt. Seinem Gesicht ist nichts anzumerken. Kein Zucken, keine Emotion, nichts. Rund um ihn tanzt der Bär. 25 000 Cottbuser, die zum Auswärtsspiel gegen 1860 ins Olympiastadion nach München gereist sind, haben die Laufbahn gestürmt und feiern, wie München es noch nie getan hat. Aber ihr Trainer? Sitzt, schweigt, genießt. "Schleifer - Sammer - Fußballgott", skandieren die Fans. Sammer bleibt sitzen. Später verkündet er den Reportern, dass er in diesen Sekunden immer an den Moment des Siegtores dachte: Akrapovic geht auf rechts durch, überspielt Czerny, passt zur Mitte, dort steht Labak. Rechtes Kreuzeck. Tor. TOOORR! 1:0. Weil Konkurrent Unterhaching auswärts gegen Schalke 0:2 verliert, wird Cottbus am 34. Spieltag noch Meister.

Fußball-Deutschland steht Kopf, wildfremde Menschen liegen sich in den neuen Bundesländern weinend vor Glück in den Armen. Was für eine verrückte Saison. Für Deutschland, für Cottbus, für Sammer. Zuerst wird er bei Dortmund nach drei Remis zu Beginn entlassen. "Mangelnde Reife" hielten ihm die Kumpels aus dem Präsidium vor. Natürlich war Sammer darüber verbittert. Und dass es bei Dortmund nach ihm, mit Peter Neururer und Hans Krankl weiter bergab ging, hat ihn schon gefreut. Und dass der Klassenerhalt für Dortmund erst am letzten Spieltag fixiert wurde, als Max Merkel aus der "Bild"-Rente zurückkehrte und für ein Match den Motivator spielte - war Balsam auf seine Wunden.

Nach seinem Rausschmiss bei Dortmund war Sammer, der gebürtige Dresdner, in den Osten zurückgekehrt, als Co-Trainer von Eduard Geyer. Wegen dessen "privaten Problemen" nach dem 4:3-Heimsieg über Bayern München im Oktober war Sammer zum Chefcoach aufgestiegen - und eine der phänomenalsten Serien im Berufsfußball begann. "Das Kollektiv unserer ausländischen Spieler, die anfangs so gehänselt wurden, hat das möglich gemacht", sagt Sammer nun. Und das Volk applaudiert.

Kurios, kurios, so lässt sich der Ausgang dieser Saison beschreiben. Das betrifft sowohl die Tabellenspitze als auch die Absteiger. Denn auch der Vizemeistertitel für Unterhaching ist eine Sensation. Anfangs als Fixabsteiger gehandelt, kamen die Unterhachinger nach der Rückholaktion von Lothar Matthäus richtig in Fahrt. Der Rekordinternationale, im September von den Metro Stars in Schimpf und Schande aus New York gejagt, legte eine Glanzsaison hin. Er fehlte bei keinem Spiel, "sein Muskel war die ganze Saison offen" (sein Arzt Müller-Wohlfahrt).

Das wohl spannendste Comeback des Jahres ist aber für viele Experten die Rückkehr des Andy Möller. Das "Weichei wurde auf Schalke zum Mann", titelte der Tagesspiegel, als Möller beim Match gegen Dortmund einen Cut über dem rechten Auge bekam, genäht wurde - und trotzdem weiterspielte.

Noch verrückter freilich ist der Niedergang des FC Bayern. Ottmar Hitzfelds viel gepriesenes Rotationsprinzip funktionierte in dieser Saison überhaupt nicht. Nach dem Aus im Champions-League-Viertelfinale gegen Zimbru Chisinau aus Moldawien, hatte er seine Stars nicht mehr im Griff. Giovanne Elber verließ den Verein Richtung Berlin, Mehmet Scholl verabschiedete sich im Februar zu Rayo Vallecano in Spanien. Der größte Verlust war aber der Abgang von Stefan Effenberg, der statt Lothar Matthäus zu den New York Metro Stars ging. Dabei hatte Effenberg zuvor noch in einer extra einberufenen Pressekonferenz erklärt: Er sei auch stolz, in der Zweiten Liga zu spielen. Manager Uli Hoeneß hat sich aus dem Verein verabschiedet und betreut nur noch seine Wurstfabrik. Ottmar Hitzfeld hat am letzten Spieltag seine Rückkehr nach Dortmund angekündigt. Der Einzige, der noch an ein Wunder glaubt, ist Franz Beckenbauer: "Das war Schiebung. Ich bin doch der Kaiser. Ohne mich ist Deutschlands Fußball gar nix. Wir können nicht absteigen", so Beckenbauer im Tagesspiegel (siehe Interview).

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