Bundesliga-Saisonvorschau (16) : Borussia Mönchengladbach: In die Breite gegangen

Am Freitag startet die Fußball-Bundesliga in ihre 54. Saison. In unserer Serie testen wir Stärken und Schwächen der Vereine. Folge 16: Mönchengladbach.

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Borussia Mönchengladbach
Borussia MönchengladbachFoto: dpa

Was hat sich verbessert?

Borussia Mönchengladbach ist ganz schön in die Breite gegangen. Auch wenn die Gladbacher Granit Xhaka verloren haben, einen Spieler mit der gewissen Extraqualität: So gut besetzt wie in dieser Saison war der Kader vermutlich seit dem letzten Meisterjahr 1977 nicht mehr. Trainer Andre Schubert besitzt jetzt für jede Position drei, manchmal sogar vier Optionen. Er hat nach eigener Zählung 16, 17 Spieler, die in Topverfassung alle den berechtigten Anspruch auf einen Platz in der ersten Elf erheben können. Und das ist vermutlich noch konservativ gerechnet.

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In Gladbach gibt es jetzt keine erste Elf mehr, wie Sportdirektor Max Eberl sagt, sondern eine erste Achtzehn. Für die Besetzung seiner Mannschaft hat Schubert daher ein ausgeklügeltes Bewertungssystem ersonnen, in das neben Trainingsleistung, Formzustand, Taktik des Gegners, Beschaffenheit des Platzes vermutlich auch die Luftfeuchtigkeit und der Stand des Mondes einfließen. Es ist jedenfalls so kompliziert, dass es nicht einmal die Spieler kapieren – und sie daher auch keine Rechtsmittel gegen ihre Nichtnominierung einlegen können. Trotzdem wissen sie bei Borussia, dass es im Laufe der Saison zu Verwerfungen kommen kann, wenn persönliche Befindlichkeiten nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Die „Bild“ hat jedenfalls schon nach dem zweiten Pflichtspiel mit der ihr eigenen Fürsorge gefragt: „Wie lange geht das gut?“ Noch reagieren die Gladbacher darauf mit Humor. Als Schubert vorige Woche verkündete, dass Nico Schulz und der Schweizer EM-Teilnehmer Nico Elvedi nicht im Kader für das DFB-Pokalspiel stünden, fügte er ungefragt hinzu: „Beide überlegen nicht, den Verein zu verlassen.“

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Wer sind die Stars?

Der Weltmeister und frühere Gladbacher Fußballgott Christoph Kramer ist für Borussias historische Rekordablöse von 15 Millionen Euro aus Leverkusen zurückgekehrt. Aber der 25-Jährige vermeidet bisher alles, was ihm als Stargehabe ausgelegt werden könnte. Der eloquente und redselige Kramer hat seinen Mitteilungsdrang deutlich gedrosselt und geht jetzt in den Mixed-Zonen auch mal wortlos an Kameras und Mikrofonen vorbei. Wichtig ist er trotzdem – erst recht nach den Abgängen der Führungsspieler Granit Xhaka, Harvard Nordtveit, Martin Stranzl und Publikumsliebling Roel Brouwers.

Dessen Part scheint vor allem André Hahn einzunehmen, der zum Coverboy für alle Werbeaktionen des Klubs aufgestiegen ist. Das liegt weniger an seinem guten Aussehen als an seiner sportlichen Performance. In den letzten sieben Spielen der Vorsaison erzielte Hahn sechs Tore. Was ihn aber (siehe erste Frage) nicht davor bewahrt hat, im Play-off-Hinspiel zur Champions League erst einmal auf der Bank zu sitzen.

Wer hat das Sagen?

Ein Trainer, der die Mannschaft nach fünf Spieltagen mit null Punkten als Tabellenletzter übernimmt und sie noch auf Platz vier führt, der sollte fortan eigentlich in einer Sänfte zum Arbeitsplatz getragen werden und der neue starke Mann im Klub sein. Andre Schubert aber muss immer noch zu Fuß gehen. Das Geraune um ihn will und will nicht verstummen. Noch immer wird ihm trotz der sportlichen Erfolge latente Skepsis entgegengebracht, werden ihm Defizite in der Mitarbeiterführung unterstellt – ohne dass dafür belastbare Belege vorliegen.

Man muss das nicht überbewerten. Über Schuberts Vorgänger Lucien Favre haben sie bei Borussia auch oft genug gestöhnt; heute wird er nur noch vergöttert. Die Skepsis gegenüber Schubert mag auch darin begründet liegen, dass Sportdirektor Eberl im Herbst relativ lange gezögert hat, bevor er aus seiner Jobbezeichnung das Interims- gestrichen hat. Heute sagt Eberl: „Der Trainer war die richtige Wahl.“ Schubert hat nicht allzu viel falsch gemacht. Er hat der Mannschaft relativ viele Freiheiten gewährt, die sie unter dem Kontrollfreak Favre nicht hatte. Schubert wirkt gelöster als zu Beginn seiner Amtszeit, vor allem hat er bewiesen, dass er aus Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen vermag.

Was ist in dieser Saison möglich?

Die Champions League – das ist keine besonders gewagte Prognose, weil sich die Gladbacher im Play-off-Rückspiel zu Hause gegen Young Boys Bern heute (20.45 Uhr, ZDF und Sky) sogar eine knappe Niederlage erlauben dürfen. In Bern haben sie vor einer Woche 3:1 gewonnen – da sollte nichts mehr schief gehen. Für die Gladbacher wäre es die zweite Teilnahme an der Champions League hintereinander, trotzdem sind sie nicht so vermessen, daraus einen Rechtsanspruch auf lebenslange Mitgliedschaft abzuleiten. Sie sind und bleiben penetrant bescheiden. Offizielles Ziel ist wieder ein einstelliger Tabellenplatz, was die Mannschaft jetzt fünf Mal hintereinander geschafft hat. Vier Mal davon reichte es sogar für den Europapokal.

So einstellig sollte es auch in der neuen Saison wieder werden, auch wenn das niemand offen ausspricht. Borussias Anhänger sind durch die Erfahrungen der vergangenen drei Jahrzehnte ausreichend demütig geworden, sie würden bei Platz neun nicht gleich zur Revolte schreiten – aber ein leises Gefühl der Enttäuschung könnten sie vermutlich auch nicht verbergen. Das Champions-League-Triple dürfte schwierig werden, die Europa League aber sollte drin sein.

Und sonst?

Die Siebziger sind in Mönchengladbach immer noch das heilige Jahrzehnt, doch die aktuelle Mannschaft hat jetzt einen weiteren Rekord aus der goldenen Dekade des Klubs übertroffen. Genauer gesagt: Neuzugang Jannik Vestergaard. Der Verteidiger ist jetzt mit 1,99 Metern der längste Spieler in Borussias Vereinsgeschichte. Er löst Wolfgang Kneib (1,96 Meter) ab, der von 1976 bis 1980 bei den Gladbachern im Tor gestanden hat.

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