Bundesliga-Spitzenspiel : Bayern blamieren sich in Wolfsburg

Der VfL Wolfsburg deklassiert den FC Bayern München in einem denkwürdigen Spitzenspiel mit 5:1 und ist nun neuer Tabellenführer in der Bundesliga.

Sven Goldmann[Wolfsburg]
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Wer hat eigentlich vor dieser Saison die Herren Edin Dzeko und Grafite gekannt? Zwei Stürmer mit gehobenem Niveau, der eine aus Bosnien, der andere aus Brasilien, aber hat vor neun Monaten wirklich jemand geglaubt, diese beiden könnten der Top-Act der Fußball-Bundesliga werden? Am Samstag bescherten die beiden dem erfolgsverwöhnten FC Bayern München einen Nachmittag so bitter, wie er ihn lange nicht erlebt hat. Beim Wolfsburger 5:1 (1:1)-Sieg trafen beide je zweimal und schossen ihre Mannschaft damit vorbei an den Bayern und an Hertha BSC auf Platz eins der Tabelle.

30 000 Zuschauer in der Volkswagen-Arena waren Zeuge eines Spiels, das sie wohl nie vergessen werden. Vor allem nicht jenes finale 5:1 von Grafite, das für die Klasse und die Attraktivität des neuen VfL steht. Ein Solotanz durch den Münchner Strafraum, gekrönt mit einem Hackenkick, ganz langsam rollte der Ball ins Tor, ungläubig verfolgt von den entsetzten Münchnern. Grafite führt die Torjägerliste nun mit 20 Treffern an, Dzeko steht mit 15 Toren auf Platz vier, und gemeinsam thronen sie mit dem VfL an der Bundesligaspitze. „Das ist schon ein besonderes Ergebnis, das erlebt man nicht so oft“, sagte Felix Magath, Trainer der Wolfsburger und vormals auch des FC Bayern.

Sein Nach-Nachfolger auf Münchner Seite heißt Jürgen Klinsmann, und selten hat man ihn so irritiert, ja abwesend erlebt wie nach dem Debakel von Wolfsburg. Vier Tage vor dem Viertelfinale in der Champions League beim FC Barcelona kriselt es mal wieder beim FC Bayern. Uli Hoeneß und Karl-Heinz-Rummenigge waren gleich nach dem Spiel in die Kabine geeilt, aber was Manager und Vorstandvorsitzender der Mannschaft mitzuteilen hatten, mochten sie nicht preisgeben. Es soll hoch her gegangen sein.

Schon auf dem Spielfeld hatte Kapitän Mark van Bommel mit einer abfälligen Geste angedeutet, wie viel oder wenig er vielleicht von den Coaching-Qualitäten seines Trainers hält. Trotz eindeutiger Signale seiner Spieler hatte es Klinsmann versäumt, rechtzeitig den angeschlagenen Lucio vom Platz zu holen. „Er wollte noch bei dieser einen Ecke für uns dabeisein“, sagte Klinsmann. Es war diese eine Ecke zu viel. Im Gegenzug schaffte Dzeko das 2:1. Lucio hatte sich die Verletzung bei einem Foul von Dzeko zugezogen, in jener eher ereignislosen Halbzeit, „in der wir nicht ganz ebenbürtig waren“, wie Wolfsburgs Trainer Felix Magath später zugab. Eher überraschend ging der VfL kurz vor der Pause in Führung, und ausnahmsweise war es keiner der beiden Spitzenstürmer, sondern ein Mittelfeldspieler, der das Tor schoss. Immerhin hatte Zvjezdan Misimovic, als bester Vorlagengeber der Liga der dritte Wolfsburger Erfolgsgarant, seinen Fuß im Spiel. Sein Eckball flog auf den Kopf von Christian Gentner und von dort ins kurze Eck.

Seinen Anteil an diesem überraschenden 1:0 kurz vor der Pause besaß auch ein Münchner. Luca Toni hatte kurz zuvor den entscheidenden Schritt in die falsche Richtung gemacht und dazu noch den Kopf eingezogen. Es war das erste Spiel des Italieners nach sieben Wochen Verletzungspause. Doch nur wenige Augenblicke nach dem 0:1 stand derselbe Toni auf einmal im Mittelpunkt einer Jubeltraube. Die Wolfsburger Zuschauer feierten immer noch das Führungstor, da stürmten schon wieder die Bayern, Lucio köpfte nach Schweinsteigers Freistoß, Torhüter Diego Benaglio bekam die Finger dran, es war nicht ganz klar, ob der Ball schon hinter der Linie war, auch bei Tonis Nachschuss parierte der Schweizer auf Linienhöhe, doch diesmal pfiff Kinhöfer und entschied auf Tor für die Bayern, Sekunden vor dem Pausenpfiff.

Normalerweise gewinnen die Bayern solche Spiele, wegen ihrer individuellen Klasse, aber auch dank ihres Selbstbewusstseins. Gestern lief es umgekehrt. „Das war schon überragend, wie meine Mannschaft auf diesen Ausgleich reagiert hat“, sagte Felix Magath. Was folgte, war eine Demonstration anspruchsvollen Angriffsfußballs, begünstigt allerdings durch Münchner Unzulänglichkeiten, die vor allem dem jungen Breno anzulasten waren. Der Brasilianer spielte erst zum dritten Mal in dieser Saison. Bei Dzekos 2:1 kam er den berühmten Schritt zu spät und konnte den Wolfsburger nicht am Direktschuss hindern. Am 3:1, abermals erzielt von Dzeko, traf den Brasilianer keine Schuld, Wolfsburgs Bosnier hatte die Szene an der Mittellinie selbst eingeleitet und nach schönem Pass von Misimovic abgeschlossen. Doch beim 4:1 sah Breno wieder schlecht aus, als sich Grafite um ihn herum wand und aus der Drehung traf. Grafites abschließender Hackentrick war eigentlich die größtmögliche Demütigung, die man einem Team von der Größe des FC Bayern antun kann.

Doch während die Fans den Mann, der das alles ermöglicht hat, noch feierten, ging Felix Magath noch einen Schritt weiter. Wolfsburgs Trainer wechselte gegen seinen früheren Arbeitgeber kurz vor Schluss Torhüter Benaglio aus und brachte André Lenz. Eine größere Blamage kann man den Bayern nun wirklich nicht zufügen. Subtile Rache eines Trainers für seine Entlassung beim FC Bayern?

Aber keineswegs, insistierte Magath und zauberte eine Erklärung hervor, wie sie nur von ihm kommen kann. Lenz habe beim Sieg vor ein paar Wochen in Hamburg so großartig gehalten und dann wieder auf die Bank weichen müssen. „So ein Ersatztorwart gehört ja nicht zu denen, die am meisten verdienen, die freuen sich über eine Einsatzprämie“, referierte Magath. „Damals habe ich ihm versprochen, dass ich ihn mal einwechseln werde, in einem der Spiele, in dem des um nichts mehr geht.“ In einem dieser Spiele… Tiefer können die Bayern nun wirklich nicht mehr sinken an diesem Samstag von Wolfsburg. Vier Tage noch bis Barcelona.

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