Bundesliga : Triumph der Planwirtschaft

Bayer Leverkusen verzaubert die Nation wieder mit schönem Fußball

Stefan Hermanns[Leverkusen]

Auf seine alten Fußballertage wird sich Carsten Ramelow vermutlich nicht mehr grundlegend ändern. Träumereien hat er noch nie nachgehangen. Dass seine Karriere bald zu Ende geht – das ist nun mal so bei jemandem, der im nächsten Monat 34 wird. „Warum soll ich groß rumjammern?“ Ramelow ist froh, wenn er nach all den Problemen mit seinem Knie überhaupt noch mal spielen kann, ein oder zwei Jahre vielleicht noch, am liebsten natürlich weiterhin bei Bayer Leverkusen. Ein oder zwei Jahre wird es wohl auch noch dauern, bis die Mannschaft ihre volle Kraft entfaltet. Die Aussichten werden gemeinhin als glänzend eingeschätzt. Carsten Ramelow, der den Aufschwung seines Klubs im Moment als externer Beobachter verfolgt, sagt: „Das ist ganz okay, was da gespielt wird.“

So, so – ganz okay. Keine Mannschaft verzaubert die Nation derzeit so sehr wie Bayer Leverkusen. Sie ist auf dem besten Weg, sogar Werder Bremen als Wahrer des schönen Fußballls abzulösen. Am Donnerstag, im Uefa-Pokal, ist sie über Galatasaray Istanbul, den Tabellenführer der türkischen Liga, hinweggerauscht: Innerhalb von zwölf Minuten fielen die ersten drei Tore, am Ende hieß es 5:1, und wenn man die Zeichen richtig deutet, ist das erst der Anfang: Bayer Leverkusen verspricht in den kommenden Jahren das spannendste Projekt des deutschen Fußballs zu werden. „In ein bis zwei Jahren wollen wir eine Mannschaft haben, die tatsächlich um den Titel mitspielen kann“, sagt Trainer Michael Skibbe.

Manchmal muss man erst ganz unten sein, um wieder nach oben zu kommen. Im Mai 2002 stand Bayer im Finale der Champions League, ein Jahr später mit einem Bein in der Zweiten Liga. Und das war nur der sichtbare Ausdruck einer tieferen Zerrüttung. Der Klub hatte schlichtweg über seine Verhältnisse gelebt. „Kosten und Ertrag standen in keinem vernünftigen Verhältnis“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, der einen radikalen Kurswechsel einleiten musste. Geliebt wurde er dafür nicht. Holzhäuser, ein ausgewiesener Finanzexperte, galt als Sanierer ohne Vision, der den Verein zu Tode spart. „Wenn es nicht läuft, bin ich eben der Buchhalter“, sagt er.

Der Aufschwung trägt tatsächlich seine Handschrift: Er ist ein Triumph der Planwirtschaft. „Bisher ist der Plan aufgegangen“, sagt Holzhäuser. Mehr als das: Der Klub hat seine selbst gesetzten Normen übererfüllt. Erst für das Ende dieser Saison war eine schwarze Null vorgesehen, erreicht wurde sie bereits im vergangenen Jahr. Als dritte Stufe – nach Sanierung und Konsolidierung – war der Aufbau einer Mannschaft geplant, die ab der Saison 2009/10 in der Spitze mitspielen kann. Mitte 2009 soll auch das neue Stadion fertig sein, das gerade für 56 Millionen Euro umgebaut und auf eine Kapazität von mehr als 30 000 Plätzen erweitert wird.

Die Frage ist nur, ob die Mannschaft so lange warten will – und kann. Heute kommt Schalke 04 in die Bayarena: zum Duell zwischen dem Vierten und dem Fünften der Bundesliga. Doch nicht Bayer ist der Verfolger, sondern Schalke. Und bis Platz drei sind es auch nur zwei Punkte. Will sich der Klub bei dieser günstigen Ausgangslage wirklich wieder mit der Qualifikation für den Uefa-Cup zufrieden geben? „Wir sind noch nicht ganz oben dran“, sagt Skibbe. „Für dieses Niveau fehlen uns die Konstanz und ein gewisser Grad an Abgeklärtheit.“

Das lässt sich auch statistisch belegen: Gegen die Großklubs Bayern, Hamburg, Bremen und Schalke hat Bayer von fünf Spielen kein einziges gewonnen. Trotzdem ist es nicht so, dass die Leverkusener zu grün sind für die Schwergewichte der Liga und den Rest mit jugendlichem Leichtsinn überrollen. Trainer Skibbe hat für seine Mannschaft ein stabiles Gleichgewicht aus Ordnung und Chaos, Angriff und Abwehr gefunden hat. Das offensive Mittelfeld ist mit Barbarez, Schneider und Barnetta individuell derart stark besetzt, dass sich die Defensive auf ihre Kernaufgaben konzentrieren kann. Nur Bayern und der HSV haben weniger Tore kassiert, nur Bremen hat mehr geschossen. Am meisten freut es Skibbe, wenn seine Arbeit von seinen Kollegen geschätzt wird. Bei einer Trainertagung kam Lucien Favre von Hertha BSC zu ihm: „So, wie deine Mannschaft Fußball spielt, gegen den Ball, wie sie umschaltet – das ist super.“

Aller Voraussicht nach hat die Mannschaft ihre beste Zeit noch vor sich. Von Sergej Barbarez und Bernd Schneider abgesehen sind die Schlüsselspieler noch lange nicht im besten Fußballeralter. René Adler ist 23, Gonzalo Castro 20, Simon Rolfes 26, Tranquillo Barnetta 22 und Stefan Kießling 24 – und die meisten besitzen langfristige Verträge. „Wir haben sehr gute Argumente“, sagt Skibbe. Die Spieler wissen, dass Erfolg möglich ist. Auch in Leverkusen.

Für Geschäftsführer Holzhäuser ist Michael Skibbe der Trainer, „der zu unserer Konzeption passt“. Ein bisschen kann Skibbe jetzt wieder Bundestrainer sein wie damals an der Seite von Rudi Völler, der auch bei Bayer als Sportdirektor sein Chef ist. Acht aktuelle oder ehemalige deutsche Nationalspieler stehen im Kader der Leverkusener; im Sommer kommt mit Patrick Helmes ein weiterer hinzu. „Sie sind noch nicht die erste Garde“, sagt Skibbe. Aber sie könnten es werden. Und sie bekommen genügend Zeit, um sich zu entwickeln. Kießling zum Beispiel, einziger Stürmer in Skibbes 4-2-3-1-System, vergibt immer noch zu viele Chancen. Trotzdem hat er Theofanis Gekas, einen kühlen Vollstrecker, auf die Bank verdrängt.

„Man erkennt, dass die einen Plan und eine Struktur haben“, sagt Jörg Neubauer, der Berater von René Adler, Sergej Barbarez und Lukas Sinkiewicz. Seinem Kollegen Gerd vom Bruch, der Helmes’ Wechsel von Köln nach Leverkusen abgewickelt hat, imponiert es, wie zielgerichtet, nüchtern und wachsam die Leverkusener ihren Weg gehen: „Die laufen nicht irgendwelchen Hirngespinsten hinterher.“ Die Vision kommt aus der Mannschaft selbst. „Uns wurde vorgeworfen, dass wir den Fußball in Leverkusen abwickeln“, sagt Wolfgang Holzhäuser. Inzwischen schreiben ihm wildfremde Leute, die sich dazu bekennen, „Holzhäuser raus!“ gerufen zu haben, und jetzt alles ganz anders sehen: „Das ist schon gut, was Sie machen.“

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