Sport : Cathy Freeman: Ein Sieg für Land und Volk

Robert Hartmann

Der Montagabend war zuerst ausverkauft, wegen Cathy Freeman, der 400-Meter-Läuferin. Die Stadionrunde würde nicht der beste olympische Wettbewerb der Frauen sein. Aber der spektakulärste. Für die Presseplätze mussten Extrakarten ausgegeben werden im Stadium Australia, dem Olympiastadion von Sydney. Es war eine Auszeichnung, dabei zu sein, wenn eine Aborigin, eine Tochter des lange verachteten und vernachlässigten Urvolkes des Fünften Kontinents, nach dem Gold greifen wollte. Der Druck, der auf ihr lastete, nachdem sie vor vier Jahren in Atlanta die Silbermedaille gewonnen hatte, war in ihrer Heimat nicht mehr auszuhalten. Deshalb zog sie im vorigen Jahr nach London um, auf die andere Seite der Erdkugel.

Streng fachlich betrachtet, war sie nach drei routiniert abgewickelten Runden die erklärte Favoritin, und es irritierte allenfalls, dass sie plötzlich in einem Taucher-Look in den Farben Silber, Gelb und Grün am Startblock stand - eine zweite Haut, ein zusätzlicher Schutz vor den überbordenden Ansprüchen der äußeren Welt. Oder profaner: Sie ist verheiratet mit dem Repräsentanten eines US-amerikanischen Sportartikel-Ausrüsters, und mit diesem Outfit, das konnten sich die Werbefachleute leicht ausrechnen, würde ihr Bild überall erscheinen, immer und immer wieder. Ein Scheitern hätte dagegen manchen Spott ausgelöst. Die Rennschuhe waren in den Farben ihres Volks gehalten, rot, gelb und schwarz.

Cathy Freeman lief ein Rennen, das die Fachleute als konservativ bezeichneten, sie vermied es, auch nur ein Prozent Risiko einzugehen. Sie konnte es sich erlauben. Schließlich befreite sie sich wie vorgesehen auf der Zielgeraden von ihren Gegnerinnen, sie kann wie keine den Schritt auch in der Ermüdung lang ziehen, und in der Jahresweltbestzeit von 49,11 Sekunden erreichte sie das erhoffte Gold.

Dann setzte sie sich erst einmal auf die Kunststoffbahn, streifte die Kaputze vom Kopf und blickte ins Leere. Sie war erschöpft vom Stress und dem Rennen und war ernst. Sie konnte sich Minuten lang nicht freuen. "Es war Erleichterung, sonst nichts," sagte sie später. "Alle Gefühle liefen über mich. Ich versuchte, normal zu werden."

Schließlich stand sie auf und ging langsam die fünfzig Meter zu ihrer Familie an der Bahnabgrenzung. Dort nahm sie auch die zwei Fahnen für die Ehrenrunde entgegen, die des Landes und die ihres Volkes. Die hohen Olympia-Funktionäre hatten es ihr vorher untersagt, weil sie es als eine politische Demonstration auffassen wollten. Nie war die Zurschaustellung nationaler Tücher derart friedlich gewesen. Doch weil die Kämpferin für die Sache der Aborigines mittlerweile das gute Gewissen einer ganzen Nation ist, durfte sie sich in ihrer Gold-Nacht alles erlauben. IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch hatte höchstpersönlich seinen Segen für diese Geste gegeben.

Als sie nach ein paar Minuten auf der Bahn zu tanzen begann, war sie wieder zurück gekehrt in die Wirklichkeit. Cathy Freeman hat mit ihrem Olympiasieg und dem Entzünden der Olympischen Flamme zehn Tage vorher ihren gesellschaftlichen Rang in Australien neu und dauerhaft bestimmt. Aber ihre Worte bei der Pressekonferenz hießen Einfachheit, Beschaulichkeit, Bescheidenheit. "Mein Ziel ist es," sagte sie, und sie hat eine charmante, kokette Art, "das Leben einfach zu gestalten". Gedanken an die Zukunft? Sie klärte gern auf über "meine einfache Welt, wenn ich aufwache, die Zähne putze, das Frühstück bereite". Sie werde ein Familienmitglied wie jedes andere sein.

Das glaubt sie. Doch ihre Angehörigen werden sie jetzt mit anderen Augen sehen, als Heldin, und sie kriegte es auch gesagt: Sie gewann die hundertste olympische Goldmedaille für Australien, und natürlich die erste für ihr Volk. "Ich glaube, ich muss in den Busch zurück und jemanden umarmen." Den Busch mit der Stadt und den Einwanderern versöhnt zu haben, wird eine bleibende Erinnerung an das olympische 400-m-Rennen der Frauen bleiben. Die Rekordzahl von 112 524 Zuschauern kann es bezeugen.

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