Sport : Champions, kommt auf die grüne Wiese!

PATRICK REICHELT

UNTERHACHING .Grau in Grau lastet der wolkenverhangene Himmel auf der Szenerie, in der Ferne ragen, von den kümmerlichen Bäumen kaum verdeckt, jene Wohnblöcke empor, wie sie typisch sind für die Münchner Vorstädte.Die ersten Regentropfen fallen, und ein kühler Windhauch bläst vom unwirtlichen freien Land in den Sportpark.Das sie also, die 20 000 Seelen zählende Gemeinde Unterhaching, knapp südlich der Münchner Stadtgrenze gelegen.An einem Tag wie diesem fällt der Gedanke noch schwerer, daß ausgerechnet hier schon bald der ganz große Fußball zu Hause sein wird.

Doch er wird es sein, während sich Traditionsteams wie die Mönchengladbacher Borussia künftig mit zweitklassiger Konkurrenz herumschlagen müssen, empfängt die kleine Spielvereinigung Unterhaching die Creme des deutschen Fußballs im von grünen Wiesen umgebenen Unterhachinger Sportpark-Stadion.Mindestens ein echter Hachinger hat damit keine Probleme: "Es wäre schon schön", sagt Michael Hammerstein, Vorsitzender des einzigen Fanclubs "Rot-Blau 17", wenn jetzt hier einmal ein bißchen mehr los sein wird." Im Schatten der Münchener Großklubs FC Bayern und TSV 1860 führte Hammerstein schon zu lange ein einsames Leben als eingefleischter Unterhachinger Fußballfan.Exakt neun Jahre tingelte er mit seinem Team wechselweise durch Bayerns oberste Amateurliga und Zweite Liga."Die ersten Jahre war ich gerade bei den Auswärtsspielen meistens allein", erzählt er, "heute reisen wir meistens mit einem festen Stamm von zehn Leuten." Bei den Heimspielen sieht es ein wenig besser aus.Bei großen Spielen wie am Montag, als Haching gegen die SpVgg Greuther Fürth (4:1) den Aufstieg feierte, ist die 10 000-Mann-Hütte schon einmal voll.

Auch in seinem Fanclub hat Hammerstein inzwischen ein wenig Ansprache bekommen.Der Club ist von den im Namen verankerten 17 Gründervätern auf rund 150 zahlende Mitglieder angewachsen."Tendenz nicht unbedingt steigend", stellt Hammerstein mit einigem Bedauern fest.

Aufstieg hin oder her, die Hachinger sind eben bis heute ihren lange erarbeiteten Ruf als biedere Maurermeister nicht losgeworden.Nicht ganz ohne Grund, denn, so sagt Mittelfeldspieler Peter Zeiler, "unser Erfolgsgarant ist eben eine konsequente Defensivarbeit über die gesamte Mannschaft, von Nummer eins bis elf".Bester Beleg: In nicht weniger als 16 Saisonspielen hielt Unterhachings Torhüter Jürgen Wittmann sein Tor vollends sauber."Und vorne", sagt Zeiler, "ging in diesem Jahr eigentlich immer einer rein." Ein Hauptverdienst zweier "Schnäppchen", wie sie Vizepräsident Peter Grosser nennt.Der albanische Nationalstürmer Altin Rrakli, in Berlin nach langer Verletzungspause ausgemustert, und der beim VfB Stuttgart in Ungnade gefallene Abdelaziz Ahanfouf zeichneten zusammen für immerhin fast die Hälfte der Unterhachinger Saison verantwortlich.Und dazu schwärmt Peter Zeiler, "haben wir jetzt auch Glück."

Glück und destruktive Spielkunst, derer Otto Rehhagel die Spielvereinigung einst gescholten hat, als Erfolgsrezept? "Nein, nein", betont Edelfan Hammerstein, "in diesem Jahr spielt die Mannschaft auch richtig gut." Als Erfolgsgeheimnis macht er etwas ganz anderes aus: "Lorenz-Günter Köstner, der Trainer." Er muß es wissen, hat er in Unterhaching doch schon so manchem Übungsleiter auf die Finger geschaut.Gerade in einem Profikollektiv ohne Stars, die sich die kleine SpVgg schon alleine finanziell nicht leisten kann, brauche man eine harte Hand, einen Schleifer, einen wie Köstner eben.Da verzeiht man es dem stets verschroben wirkenden Mann, daß er sich in der Öffentlichkeit selbst in Zeiten des Erfolges meist zurückhaltend und unnahbar gibt.Ungeachtet aller Härte - auch die Spieler sind von ihrem "erfolgsbesessenen Vollbluttrainer" (Alexander Strehmel) überzeugt.Mit der Unterstützung einer soliden Vereinsführung im Rücken, sagt auch Peter Zeiler, habe es der Coach geschafft, ein verschworenes Kollektiv zu zimmern, das es in diesem Jahr auch mit technisch und finanziell überlegener Konkurrenz locker aufnehmen konnte.

Doch wenn es dem Baumeister des Unterhachinger Aufstiegs nicht gelingen sollte, auch ein erstligataugliches Team zusammenzustellen, dann wird er damit leben müssen, daß er der erste ist, dem der Wind im Sportpark kräftig ins Gesicht blasen wird.Das weiß Lorenz-Günter Köstner selbst offenbar am besten - an der aufkeimenden Euphorie will er sich nicht beteiligen.Während seine Kicker ausgelassen mit den Fans feierten, richtete sich des Trainers einziger Kommentar in die Zukunft: "Wir haben jetzt ein wahnsinniges Stück Arbeit vor uns."

Und doch sind jetzt erst einmal alle zufrieden.Für Vizepräsident Peter Grosser hat sich "das achte Weltwunder" verwirklicht, für Hammerstein ist es die "Krönung", und auch die Musiker der Lokalband Spider Murphy Gang haben endlich ihren Willen bekommen.Im Vereinssong forderten sie: "Champions, kommt nach Haching."

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