Champions-League-Pokal : "Ich wurde wehrlos an den Trabi geschnallt"

Am 6. Juni findet das Finale der Champions League im Olympiastadion statt. Der Pokal, um den es geht, tourt jetzt schon durch Berlin. Wir haben die entwürdigte Trophäe dabei belauscht.

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Go, Trabi, go! Auf einer sogenannten City Trophy Tour kutschieren Prominente die Trophäe der Champions League durch die Stadt, hier Moderatorin Palina Rojinski.
Go, Trabi, go! Auf einer sogenannten City Trophy Tour kutschieren Prominente die Trophäe der Champions League durch die Stadt,...Foto: dpa/Fischer

Aus dem Weg, Platz da, der Pokal ist da! Mit Blaulicht zieht eine Kolonne aus 15 Autos plus Polizei-Motorrädern am Mittwochmorgen durch Berlin. Mittendrin ich, in einer Art Papamobil. Wie der Papst würde auch ich gerne aus meinem verglasten Wagen winken, aber ich habe leider keine Arme, nur Henkel. Gestatten: Ich bin der Champions-League-Pokal, auf großer Stadtrundfahrt.

Ich glänze in der Sonne, aber das beeindruckt die Berliner wenig. Der Berufsverkehr hupt erbost gegen die Absperrungen an. Ja, weiß diese Stadt denn nicht, dass in 38 Tagen im Olympiastadion das große Finale gespielt wird, um mich, den wichtigsten aller Europapokale? Und dass mich der Regierende Bürgermeister am Montag feierlich in Empfang genommen hat? In einem Tresor im Roten Rathaus träumte ich seitdem von Tagen, als mich nur die größten Fußballer in den Händen halten durften. Diese Zeiten sind vorbei.

Früh reißen mich Verbands- und Marketingleute der Uefa aus dem Schlaf. Auf einer sogenannten City Trophy Tour werde ich durch zahlreiche Hände und die halbe Stadt gereicht. Diese PR-Nummer mit viel Pomp und Prominenz wird erstmals in dieser Form veranstaltet, damit auch ja niemand verpasst, dass ich in der Stadt bin.

„Is dit Arne Friedrich?“, fragt einer wenigen Passanten

Als Erster grabbelt mich auf einer Verkehrsinsel am Monbijoupark immerhin noch ein Fußballer an. Na gut, ein ehemaliger. „Is dit Arne Friedrich?“, fragt einer der wenigen Passanten unter drängelnden Reportern, „hat der je einen Pokal gewonnen?“ Nicht wirklich. Aber das haben die übrigen Prominenten, die mich wie einen Staffelstab weiterreichen, noch weniger: Neben Friedrich noch Moderatorin Palina Rojinski, die Musiker Joy Denalane und Max Herre, Tennispielerin Sabine Lisicki und Moderator Matthias Killing.

Monbijouplatz, Potsdamer Platz, Breitscheidplatz, East Side Gallery und Alexanderplatz. An jeder meiner Stationen posiert ein Promi mit mir vor einer Leinwand. Dankbare Bilder für die Kamerateams und für die paar Touristen dahinter, die ihre Arme noch höher recken können. 11-Freunde-Chef Philipp Köster versucht mit den Prominenten über Fußball zu talken. Vergeblich. „Die weiß nicht mal, dass Bayern München im Halbfinale steht“, lästert einer der vielen Agenturmenschen im Pulk über Rojinski. Die Rothaarige räkelt sich im knappen Kleid auf einem Trabi, auf den man mich armen, wehrlosen Pokal geschnallt hat. Ein anderer Agenturmensch erklärt, man habe die Pokalpaten „so weit weg vom Fußball wie möglich ausgewählt, um den Boulevard zu bedienen“. Es hagelt also reichlich Frühstücksfernsehfragen, nach den süßesten Fußballern und so. Gerichtet an die Promis, nicht an mich. Nur von Komiker Oliver Pocher, mit Lisicki und in Hannover-96-Hose erschienen, wollen noch weniger Leute etwas wissen.

Wie Pocher fühle ich mich nur als Beischmuck. Im Velotaxi, im Trabi, im Boot, in S- und U-Bahn und zu Fuß tragen mich Gewinnspielgewinner und B- bis C-Promis durch die Stadt. „Thomas Müller!“, ruft ein Bratwurstverkäufer. Aber mich trägt leider nur Matthias Killing. Die Berliner, die wenigstens mich im Gewühl erkennen, haben nicht viel davon. Kaum haben sie ihr Handy gezückt, bin ich wieder weg. Ein Sicherheitsmann schubst Passanten aus meinem Weg. „So ein Mist!“, blafft eine alte Dame einen der Polizisten im Geleit an. Der Pulk blockiert ihr die U-Bahn-Treppe. „Ich bin ein ganz normaler Mensch und will nur hier durch.“ Was soll ich sagen? Ich bin ein ganz normaler Pokal und will nur nach Hause, zu einem Champions-League-Gewinner. Matt und voller Fingerabdrücke erreiche ich wieder das Rote Rothaus. Als sich die Türen hinter mir schließen, denke ich: Bitte, Bayern, Barcelona, Real oder Juve, holt mich am 6. Juni hier raus.

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