Champions League : Turbine Potsdam will Pokal zur Primetime gewinnen

Zum ersten Mal wird am Donnerstag das Champions-League-Finale der Frauen ausgetragen – zur besten Sendezeit. Turbine Potsdam hofft auf die Fans am Bildschirm.

Helen Ruwald

Berlin - Bei der Konkurrenz geht es laut Eigenwerbung um Merkfähigkeit, Kreativität, räumliches Vorstellungsvermögen und Konzentration. Moderator Eckart von Hirschhausen piesackt in der Wissensshow „Deutschlands größter Gedächtnistest“ heute Abend in der ARD Kandidaten wie Entertainer Gunther Emmerlich und Schauspielerin Isabel Varell. Auch die Protagonisten im ZDF brauchen Konzentration und Kreativität – allerdings nicht, um sich ellenlange Telefonnummern zu merken, sondern um die langen Abwehrspielerinnen von Olympique Lyon zu umkurven. Auf sie treffen Turbine Potsdams Fußballerinnen heute Abend im erstmals ausgetragenen Champions-League-Finale der Frauen in Madrids Vorort Getafe (20.30 Uhr, live im ZDF). Nachmittägliche Live-Übertragungen kennt Turbine aus DFB-Pokal-Endspielen, in denen das Team den Zuschauern die Wartezeit auf das Männerfinale verkürzte. Doch zur Prime Time war Turbine noch nie in deutschen Wohnzimmern zu sehen. „Das gab es im deutschen Klubfußball noch nie“, sagt Trainer Bernd Schröder, „die Übertragungszeit ist optimal. Wir wollen für den Frauenfußball werben. Der Pokal wird zum ersten Mal vergeben. Da kannst du dich unsterblich machen.“

Die Champions League hat zu Saisonbeginn den Uefa-Cup abgelöst, es gibt ein statt zwei Endspiele, und das Finale wird erstmals an das der Männer gekoppelt. Auch künftig soll es zwei Tage vor dem Männer-Endspiel in der selben Stadt ausgetragen und so aufgewertet werden. Schröder begrüßt „die Adelung des Titels, das klingt anders als Uefa-Cup“, sieht aber auch Probleme. „Die Mannschaft spürt den Druck“, sagt er. Nicht so sehr den sportlichen: die Bundesliga gilt als stärker als die französische Liga. Wenn seine Mannschaft genug Substanz habe, „müssen wir nicht so viel Angst haben“, glaubt Schröder. Doch das öffentliche Interesse, das den jungen Potsdamerinnen entgegengebracht wird, ist für viele in diesem Ausmaß neu, trotz intensiver Berichterstattung im RBB, einer Tagesschau-Meldung zum Meistertitel und Auftritten im Sportstudio nach früheren Pokalsiegen. DFB-Präsident Theo Zwanziger wird heute ebenso auf der Tribüne sitzen wie Uefa-Präsident Michel Platini. Turbines Spielerinnen werden am Sonnabend im Bernabeu-Stadion das Spiel der Bayern gegen Inter Mailand erleben. Ob sie den Münchnern nur zujubeln oder es direkten Kontakt geben wird, ist laut Schröder noch nicht klar. „Das wird sich ergeben“, sagt er.

Ein Treffen mit den Stars war undenkbar, als Schröder das Team 1971 aufbaute – und manche Frauen in Rock und Strumpfhose zum ersten Training erschienen. Die Kleiderordnung hat sich schnell geändert, der Frauenfußball ist längst salonfähig, öffentliches Gewitzel von Größen wie Franz Beckenbauer seit Jahren tabu. Doch vergleichbar sind Frauen- und Männerfußball noch lange nicht, obwohl der DFB die Nationalmannschaft ein Jahr vor der WM im eigenen Land extrem pusht und die Menschen in Massen ins Stadion strömen – wenn der Weltmeister spielt. Anders ist es in der Bundesliga: Zu den Heimspielen des Deutschen Meisters Turbine Potsdam kamen in dieser Saison im Schnitt 1300 Zuschauer, zum langjährigen Vorzeigeteam 1. FFC Frankfurt 1800, beim Absteiger Tennis Borussia Berlin aber verliefen sich kaum mehr als 150 Fans ins Mommsenstadion. Ob fußballerisch oder vermarktungstechnisch – zwischen den Großen und den Kleinen liegen Welten. Und die Diskrepanz wird künftig noch größer. Selbst bei einer Niederlage erhält Turbine Potsdam als Champions-League-Finalist 225 000 Euro, als Sieger 300 000 Euro abzüglich Steuern und Reisekosten – der Jahresetat vieler Bundesligisten ist niedriger. In Potsdam beträgt er geschätzte 500 000 Euro.

Der DFB unternimmt durchaus Anstrengungen, um den Vereinsfußball bei den Frauen aufzuwerten: Am vergangenen Samstag trugen die Frauen ihr DFB-Pokalfinale nicht wie zuvor als Männer-Vorspiel im Berliner Olympiastadion aus, sondern in Köln. 26 282 Zuschauer ließen sich das Familienfest rund um Duisburgs Sieg gegen Jena nicht entgehen – Europarekord für Vereinsmannschaften. Bernd Schröder betrachtet die Zahl skeptisch: „Sie glauben doch nicht, dass so viele Leute wegen dem Frauenfußball gekommen sind“, nörgelt er. Die Kultband Höhner habe gespielt, „da kommen bestimmte Gruppen in jedes Stadion.“

Aber zumindest kommen sie. Das 17 000 Zuschauer fassende Coliseum Alfonso Perez in Getafe zu füllen, scheint hingegen nicht einfach. Obwohl es Tickets ab drei Euro gibt, kündigte die Uefa zu Wochenbeginn an, mit Werbeautos durch die Stadt zu fahren, um noch Eintrittskarten loszuwerden. Schröder wundert sich nicht über die zögernden Spanier: „Der spanische Frauenfußball ist nicht zum Vorzeigen.“ Um so wichtiger ist ein starker Auftritt von Turbine Potsdam. Um die Fans vor Ort und vor dem Fernseher zu begeistern – und die Gedächtnis-Cracks zu schlagen.

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