Sport : Chef-Doper Höppner reizt mit zynischer Erklärung Nebenklägerin bis aufs Blut

Frank Bachner

Irgendwann hatte Catherine Menschner nur noch einen Wunsch: "Ich möchte über den Tisch springen und diesem Typen ins Gesicht schlagen." Möglicherweise war das in jenem Moment, in dem Carola Beraktschjan der Gedanke durchzuckte: "Hier werde ich gerade verscheißert." Alle Nebenklägerinnen fühlten so, nicht bloß Beraktschjan, die frühere Schwimm-Weltrekordlerin. Später sagten sie es. Irgend jemand hatte sie in eine seltsame Szenerie gebeamt, in eine Kulisse, die aussah wie der Saal 501 des Landgerichts Moabit. Aber in Wirklichkeit lief hier etwas Unwirkliches ab, wie in einem schlechten Film. Vor ihnen saß Manfred Höppner, 66 Jahre alt, grauhaarig, über ein paar Blätter Papier gebeugt. Höppner liest vor. Er nennt es eine Erklärung. Die Nebenkläger nennen den Text "blanken Zynismus". Höppner, der Chef-Doper der DDR, angeklagt der Beihilfe zur Körperverletzung an Minderjährigen, liest vor: "Im Hochleistungssport gibt es immer Folgeschäden. Durch die kontrollierte Anwendung von Anabolika haben wir diese Schäden minimiert. Gesundheit ging immer vor Goldmedaillen. Wenn Laien unkontrolliert Anabolika verabreicht hätten, wären schwere Schäden entstanden. Stellen wir uns doch die Frage: Wie viele Schäden haben wir verhindert, indem wir Anabolika kontrolliert abgegeben haben? Leider lief aber nicht alles so wie gewünscht. Nach meinen Informationen waren die Athleten immer darüber informiert, dass sie Anabolika erhielten. Ich war erschüttert, als ich erfuhr viel später erfuhr, dass Schwimmerinnen nicht aufgeklärt wurden. Ich bitte um Entschuldigung."

Höppner hat das wirklich gesagt. Jener Stellvertretende Leiter des Sportmedizinschen Dienstes, der alles über Doping wusste. Höppner, der als "IM Technik" der Stasi von massiven Folgeschäden berichtete. Höppner, der streng anwies, dass man Jugendlichen und deren Eltern ja nichts von Dopingpillen erzählen durfte. Man habe zu sagen, das seien "Vitamintabletten".

Höppner kam noch mal zu Wort, indirekt. Richter Dirk Dickhaus verlas Vernehmungsprotokolle von Höppner. Vor der Kripo hatte er mehr gesagt. Da hatte er auch von der Minimierung von gesundheitlichen Schäden palavert, aber er hatte viel mehr über Folgeschäden durch hohe Dosierungen geredet, er hatte auch DDR-Sportchef Ewald massiv belastet. Und er hatte zugegeben, dass er selber Anabolika verabreicht hatte, damals, als Arzt beim Leichtathletik-Verband. 1966 hatte er dem Diskuswerfer Detlef Thorid Dopingmittel gemästet, einer der ersten Dopingfälle der DDR überhaupt. Jan Mohr, Catherine Menschners Anwalt, stellte deshalb einen Antrag: Höppner soll aktive Körperverletzung vorgeworfen werden, nicht bloß Beihilfe. Staatsanwalt Debes hatte auch Höppners Vernehmungsprotokoll. Aber er ist bei seiner Anklageschrift auf Höppners aktiven Einsatz nicht eingegangen. Warum, ist unklar. Am Dienstag soll über den Antrag entschieden werden.

Und Manfred Ewald, der zweite Angeklagte? Er grinste nicht mehr. Er blickte nur starr. Höppner hatte ihn schwer belastet. Nur Catherine Menschner grinste zum Schluß, so zynisch wie Höppners Erklärung war. "Ich bin ja froh", sagte sie, dass ich mit zwölf Jahren schon Anabolika erhielt. Deshalb bin ja jetzt gesund. Sonst würde ich ja im Rollstuhl herumfahren." Menschner hatte sieben Fehlgeburten wegen Hormonstörungen, und ihre Wirbelsäule ist kaputt. Catherine Menschner hat nie Gold geholt. Gesundheit, hatte Höppner gesagt, Gesundheit ging immer vor Goldmedaillen.Doping im DDR-Sport im Internet

www.meinberlin.de/ddr-doping

0 Kommentare

Neuester Kommentar