Christian Schenk : Mit Steffi Graf in der Mensa

Zehnkampf-Olympia-Sieger Christian Schenk kennt die Sommerspiele als Aktiver und Besucher. Im Interview mit zoomer.de und Tagesspiegel Online erinnert sich der gebürtige Rostocker an seinen Triumph von 1988 in Seoul und seine Beinahe-Kontaktaufnahme mit Steffi Graf im Olympischen Dorf.

Herr Schenk, Sie brechen nach Peking auf. Kribbelt es schon?



Ich habe gestern das erste Mal daran gedacht. Und die Bilder im Fernsehen haben mir gezeigt, am Freitag gehen die Olympischen Spiele los. Ich freue mich echt darauf.

Wie oft waren Sie denn schon bei Olympischen Spielen dabei?

Seit 1988 bin regelmäßig. 1988 in Seoul war ich noch Athlet. Danach war ich für das ZDF als Redakteur oder für die deutschen Häuser bzw. die Wirtschaft tätig. Den stärksten Eindruck als Nicht-Athlet haben auf mich die Olympischen Spiele 2000 in Sydney gemacht.

Warum gerade Sydney?

Die unglaubliche Offenheit der Menschen in diesem Inselstaat hat mir imponiert. Sie sind es gewohnt, viele Völker miteinander zu verbinden. Sydney liegt direkt am Meer, es gibt dort eine tolle Küche. 40.000 freiwillige Helfer haben mit ihrer Freundlichkeit zu einer Klasseatmosphäre beigetragen. Es hat einfach nur Spaß gemacht.

Was wird das Spezielle an Peking sein?

Ich bin natürlich auf die klimatischen Bedingungen gespannt. Für die Ausdauersportarten wird es eine Katastrophe bei dieser hohen Luftfeuchtigkeit, der Wärme und der Luftverschmutzung. Die Stadien sehen sehr beeindruckend aus. Von der Baustruktur drum herum bin ich aber enttäuscht. Das sieht wie Spät-80er-Jahre-Kommunismus aus. Hinzu kommen die Probleme mit Tibet, den Menschenrechtsverletzungen, dem Sicherheitsstaat. Das alles unter einen Hut zu bringen, wird schwierig. IOC-Präsident Jacques Rogge ist als der große Macher nach Juan Antonio Samaranch (Vorgänger von Rogge als IOC-Präsident, Anm. d. Red.) hingestellt worden. Alles sollte besser werden. Anscheinend ist aber nichts besser geworden. Die Beschneidung der Pressefreiheit zuletzt war erbärmlich.

Denken Sie, es war richtig, die Sommerspiele an ein Land wie China zu vergeben?

Ich bin trotz aller Probleme absolut dafür, dass die Spiele dort stattfinden. Wir meckern immer über China, tragen aber zum Beispiel oft Kleidung, die in China hergestellt wird, weil es preiswert ist. Natürlich sind die Hinrichtungen, die dort stattfinden eine Katastrophe. Doch für die Öffnung des Landes ist es richtig, dass die Spiele dort stattfinden.

Sollten sich die Sportler nicht kritisch zu den Zuständen im Land äußern dürfen?

Das ist die ewige Diskussion. Sie dürfen im Umfeld der olympischen Sportstätten nichts machen, das ist auch okay. Abseits dürfen sie alles machen, da haben die deutschen Athleten zumindest genügend Möglichkeiten, sich zu präsentieren. Ich bin gespannt, was sie sich einfallen lassen. Ich kenne so viele Athleten, die ihren Kopf nicht nur zum Haareschneiden haben, die mitdenken und wissen, dass sie in einer außerordentlichen Position sind. Und wenn es nicht zu ihrem Nachteil ist, dann sollen sie ihre Stimme erheben und bitteschön raus damit.

1988 haben Sie in Seoul die Goldmedaille im Zehnkampf gewonnen. Können Sie sich noch daran erinnern, was in Ihnen vorging, als der Titel feststand?

Die Entscheidung fiel nach dem Stabhochsprung, danach war ich eigentlich nicht mehr zu schlagen. Dann hatte ich aber vor dem abschließenden 1500-Meter-Lauf Angst, dass mir noch was passiert, obwohl das meine stärkste Disziplin war. Ich habe nur überlegt, pass auf, dass du nicht einem anderen in die Hacken trittst, pass nur auf, dass du nicht auf die Bahnkante trittst und vielleicht noch umknickst. Ich wollte eigentlich ziemlich schnell laufen, habe mir aber so viele Gedanken gemacht, dass ich fast 30 Sekunden über meiner Bestzeit geblieben bin. Es hat aber noch gereicht. Bei der Siegerehrung habe ich mich innerlich bei meinem Trainer, meinen Eltern, meiner Freundin bedankt. Es ist nämlich eine ganze Menge Stress, die das Umfeld mitragen muss.

Was Sie da gerade schildern, ist ein schönes Beispiel dafür, wie Leistung schlecht abgerufen werden kann, wenn der Kopf nicht mitspielt. Wie viel Prozent trägt mentale Stärke zu Sieg oder Niederlage bei?

Darüber wird viel diskutiert. Trainieren tun sie alle. 1988 hatten sicherlich fünf, sechs Athleten das Potential, Olympia-Sieger im Zehnkampf zu werden. Ich war derjenige, der in diesem Wettkampf Bestleistung gebracht hat, und das ist entscheidend. Ich hatte gut trainiert, hatte eine gewisse Unbekümmertheit und wurde nicht so beobachtet, wie ein Torsten Voss, der Weltmeister im Jahr zuvor wurde oder ein Jürgen Hingsen, der ausschied. Daily Thomson wurde Vierter mit drei Punkten Rückstand auf den Dritten. Es war also alles am Start, was Rang und Namen hat. Später wurde dann gesagt, es war keiner der Großen dabei. Das hat mich damals geärgert.

In welchen Disziplinen erwarten Sie deutsche Medaillen?

Ich denke, dass im Zweier- und Vierer-Kanu Fanny Fischer, die Nichte von Birgit Fischer, Gold holt. Ich hoffe, dass wir zumindest eine Goldmedaille in der Leichtathletik gewinnen. Ich nehme an, dass es die Speerwerferin Christina Obergföll werden könnte. Ich bin ganz gespannt auf den jungen Raphael Holzdeppe im Stabhochsprung. Vielleicht wächst er über sich hinaus und springt im ersten Versuch gleich 5, 80 Meter. Der hat so eine gewisse Unbekümmertheit, das gefällt mir. Wie es um Schwimmerin Britta Steffen geht, kann ich nicht einschätzen. Der Kanute Andreas Dittmer, mehrfacher Olympiasieger aus Neubrandenburg, will es noch einmal wissen.

Und wie sieht es in Ihrer Disziplin dem Zehnkampf aus. Kann André Niklaus eine Medaille holen?

Ich glaube nicht, dass er wirklich eine Chance hat. Ich freue mich aber auf seinen Wettkampf. Wenn er 8350 Punkte macht, das ist realistisch, kann er vielleicht Sechster bis Achter werden. Für die deutschen Zehnkämpfer ist es dieses Jahr noch etwas zu früh.

Wie wird man eigentlich Goldmedaillen-Gewinner?

Man muss bei den Wettkämpfen die persönliche Bestleistung abliefern. Körperlich muss es stimmen. Man darf keine Energie in den langen Wartezeiten zwischen den Wettkämpfen vergeuden. Man muss Spaß aber auch diese spezielle Aufgeregtheit haben. Das ist wie bei einem Flitzebogen, der gespannt ist aber noch nicht losgelassen werden darf. Die Kunst ist es, diese Spannung im richtigen Moment zu lösen. Glück gehört natürlich auch noch dazu.

Die Aktiven schwärmen immer vom Leben im Olympischen Dorf. Wie haben Sie es damals erlebt?

Es ist wirklich so, wie man es oft liest oder auch Dirk Nowitzki so nett gesagt hat: am liebsten würde ich vier Stunden im Olympischen Dorf in der Mensa sitzen und die Leute nur beobachten. Unvergesslich ist für mich folgende Geschichte: Steffi Graf hatte 1988 vor den Olympischen Spielen alle vier Grand-Slam-Turniere gewonnen. Da dachte ich mir, Mensch, wenn ich die hier treffe, das wäre toll. Ich hatte mir vorgenommen, dass ich sie in der Mensa abpasse, auf sie zugehe und ihr die Hand schüttele, um ihr zu gratulieren. Ich bin dann wirklich auf sie zugesteuert, habe aber aus Respekt drei Meter vor ihr eine große Kurve gemacht.

Sie sind seit 15 Jahren nicht mehr aktiv, aber immer noch gut in Schuss. Was machen Sie dafür?

Ich mache mit meiner Frau zusammen Joga. Außerdem bin unter die Golfer gegangen. Das ist für mich Entspannung pur. Und ich gehe einmal die Woche Laufen oder ins Fitnessstudio, um meinen Rücken zu stabilisieren. Mein Ziel ist es, das Gewicht von 105 Kilo zu halten. Das sind fünf Kilo mehr als zu Athleten-Zeiten.

Sie mussten 1993 wegen eines Bandscheibenvorfalls Ihre Karriere beenden. Wie ging es danach für Sie weiter?

Es war ein abruptes Ende, einhergehend mit Lähmungserscheinungen. Das war ziemlich schrecklich, weil ich eigentlich noch mehrere Jahre weiter machen wollte. Das Hauptproblem war, dass mein Tagesablauf, der 24 Jahre lang vom Sport bestimmt war, auf einmal unterbrochen wurde. Ich musste völlig neue Ziele definieren. Im Sport war ich auf Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften ausgerichtet. Im normalen Leben war ich auf einmal vogelfrei. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich wieder richtig Fuß gefasst habe.

Das Interview führte Matthias Bossaller, zoomer.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben