Sport : Christian Ziege: Der englische Patient

Der Mann mit den meisten Länderspielen schob im Kreis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gemeinsam mit Oliver Bierhoff bislang den größten Frust. "Meine Situation ist sicher nicht die beste. Aber es gibt viel Schlimmeres", sagt Christian Ziege, der immerhin auf 57 Berufungen und acht Jahre Erfahrung in der Nationalmannschaft verweisen kann. Von "Katastrophe" oder "Schicksal" wollte der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler vor dem WM-Qualifikationsspiel am Samstag in Helsinki gegen Finnland (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) nicht sprechen. Es ist ja nur eine Fußball-Krise und keine Krankheit. So oder so ähnlich dürfte sich der Wahl-Liverpooler, der an der berühmten Anfield Road sportlich unglücklich ist, selbst Mut zusprechen.

Christian Ziege in der Warteschleife - mit dieser Situation muss der gebürtige Berliner nun bereits seit vier Jahren leben. 1997 verließ Ziege den FC Bayern München, und seitdem läuft nichts mehr so, wie es vorher lief. Sein Auftritt in Italien beim AC Mailand endete ebenso frustrierend wie sein erstes englisches Kapitel beim FC Middlesbrough, wo er eigentlich auf dem Weg zu alter Stärke war. Viel Streit und Gerichts-Termine hatten Ziege nach der verkorksten Europameisterschaft im vergangenen Jahr die komplette Saison-Vorbereitung gekostet, bevor sein Wechsel nach Liverpool für 17,6 Millionen Mark perfekt und ein Vertrag über vier Jahre unterzeichnet war.

Zwischendurch war auch mal ein Wechsel in die Heimat zu Hertha BSC im Gespräch. Herthas Trainer Jürgen Röber hatte sich für Ziege stark gemacht, aber der scheute dann doch eine Rückkehr in die Bundesliga. "In Deutschland habe ich das Image eines arroganten Spielers, der oft keine Lust hat. In England sehen mich die Leute anders, obwohl ich nicht anders spiele", sagte der 29-Jährige damals. Doch auch die Herrlichkeit in Liverpool war schnell vorbei. Ziege wurde zum Stammgast auf der Ersatzbank und sogar auf der Tribüne, während seine Kollegen den Liga-Pokal, den FA-Cup und den Uefa-Pokal gewannen.

"Wenn man nicht so oft spielt, dann ist es schwierig, die Meinung der Leute zu ändern", sagt Ziege und verweist auf seinen Kollegen Bierhoff. "Vor ein paar Monaten war der Oliver doch noch der König von Mailand. Im Moment behandelt ihn jeder so, als ob er überhaupt noch nie richtig Fußball gespielt hätte", sagt Ziege. "Es wird viel Meinung gemacht, dabei haben die Leute gar nicht den tiefen Einblick. Ich habe mir eine Menge Gedanken gemacht. Ich habe im Training immer 100 bis 110 Prozent gebracht, mehr kann ich nicht machen."

Der Streit mit Liverpools Trainer Gerard Houllier, der zwar Zieges Landsleuten Markus Babbel und Dietmar Hamann eine Führungsrolle bei den Engländern einräumt, aber Ziege nur als zweite Wahl einstuft, könnte schon bald mit einer erneuten Flucht enden. Wenn er nicht mehr das Gefühl habe, eine faire Chance zu bekommen, "wäre ein Wechsel sicher sinnvoll", sagt Christian Ziege. Das ist schon mehr als nur eine Andeutung erneuter Wechselambitionen. Denn nur über eine steigende Formkurve im Klub kann Ziege seine Chance wahren, im Falle einer erfolgreichen Qualifikation mit der deutschen Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft im kommenden Jahr nach Japan und Südkorea zu fahren.

"Es gibt Fußballer, die werden mehr gemocht - andere weniger", glaubt Ziege. Unter Rudi Völler als Teamchef bekam der Mann mit dem starken linken Fuß eigentlich neue Hoffnung. Der Nachfolger des glück- und erfolglosen Erich Ribbeck holte Ziege trotz fehlender Spielpraxis schon bei seinem Debüt im August 2000 in den Kader. Doch mehr als vier Minuten beim WM-Spiel in England (1:0), 87 Minuten im Freundschaftspiel in Dänemark (1:2), eine Minute gegen Weltmeister Frankreich (0:1), 90 Minuten gegen Griechenland (4:2) und zehn Minuten am vergangenen Dienstag gegen die Slowakei (2:0) durfte Ziege nicht spielen. "Fußball ist kurzlebig", sagt Ziege. Er hofft weiter auf die Wende, das habe Athen gezeigt, als er überraschend in der Anfangself stand. "Nach einem Tief kommt wieder ein Hoch."

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