Sport : Da staunen die Chinesen

Als erster deutscher Tischtennisspieler wird Timo Boll die Nummer eins der Weltrangliste

Richard Leipold

Höchst. Manchmal übertrifft die Realität jedes Vorstellungsvermögen. So geht es dem Tischtennisspieler Timo Boll. Der 21 Jahre alte Profi vom TTV Gönnern hat den Sprung an die Weltspitze geschafft und ist erstaunt darüber. „Das hätte ich mir früher nie vorzustellen gewagt“, sagt Boll. Die nächste Weltrangliste erscheint erst am 2. Januar, doch aus dem Rechenzentrum des Internationalen Verbandes ist schon eine Woche vor der offiziellen Bekanntgabe das Ergebnis durchgesickert. Boll wird den bisher führenden Chinesen Ma Lin ablösen und mit einem Punkt Vorsprung auf dem ersten Platz stehen. Der Computer wird den optischen Eindruck bestätigen, der sich in den vergangenen zwölf Monaten an den Tischtennisplatten dieser Welt verfestigt hat. Boll gewann das europäische Top-Zwölf-Turnier in Rotterdam, die Europameisterschaft in Zagreb und den World-Cup in der chinesischen Stadt Jinan.

Trotz dieser Serie hält Chef-Bundestrainer Dirk Schimmelpfennig die Möglichkeiten des Deutschen Meisters noch längst nicht für ausgereizt. Die Erfolge von 2002 seien nicht der Höhepunkt in Bolls Karriere, „ganz sicher nicht". Fürs erste hat der Profi die Phalanx der Chinesen durchbrochen, die überall auf der Welt als Hegemonialmacht des Tischtennis anerkannt sind und sich diese Position nur ausnahmsweise streitig machen lassen. In den Neunzigerjahren hatte sich Jens-Ove Waldner an die Spitze gesetzt; der geniale Schwede gilt als bester Spieler aller Zeiten.

Boll dringt nun in eine Dimension vor, die nie zuvor ein Deutscher erreicht hat. Eberhard Schöler war als WeltmeisterschaftsZweiter 1969 die Nummer zwei gewesen; seit der Computer die Rangliste berechnet, war Jörg Roßkopf als Vierter der beste Deutsche; ihm fehlte allerdings das letzte Quäntchen Klasse, um sich gegen die dominierenden Chinesen durchzusetzen.

Wie wird sich Boll in diesem Kampf behaupten? Kaum ist er auf dem Gipfel angekommen, stellt sich schon die Frage: Wie lange wird er bleiben? Bolls Antwort klingt vorsichtig. „Ich hoffe, dass ich noch ein paar Jahre mitmischen kann.“ Die über Bolls Künste staunenden Chinesen werden alles versuchen, um die Führung zurückzuerobern. Mit Blick auf ihr olympisches Heimspiel 2008 in Peking sollen sie für ihre Spitzenspieler schon Trainingspartner angeheuert haben, die das Spiel des Deutschen kopieren. Boll wertet solchen Aufwand als Zeichen von Respekt. „Das ehrt mich.“ Die chinesischen Imitatoren werden viel zu tun haben, sein Repertoire abzudecken. Gemeinsam mit seinen Lehrern versucht Boll stets, seine Technik zu modernisieren. Bundestrainer Schimmelpfennig sieht „die technische Komplexität“ als größte Stärke seines Schülers. Durch das Drehen des Handgelenks erzeugt Boll, der den Ball sehr früh trifft, eine starke Rotation und Beschleunigung. „Mit soviel Spin haben selbst die Chinesen ihre Schwierigkeiten", sagt Schimmelpfennig.

Neben dem Vorsprung durch die Technik kommt Boll, gerade gegen Chinesen, seine stabile Psyche zugute, die er sich angeeignet hat. Während europäische Spitzenspieler früher in einer heiklen Situation meist mit einem außergewöhnlichen Gewinnschlag ihres asiatischen Gegners rechneten und in dieser Erwartung selten enttäuscht wurden, geht Boll solche Duelle unter umgekehrten Vorzeichen an. „Wenn es knapp wird, haben die Chinesen viel mehr Druck als ich", behauptet er.

So entschlossen war Boll als Kind nicht gewesen. Sein Vater erinnert sich noch an Zeiten, als der pummelige kleine Timo sich beim Laufen erschöpft auf den Rasen warf und den Streik ausrief: „Ich renne nicht mehr.“

Wie bei einer Metamorphose hat sich der einst pummelige Junge in einen Athleten verwandelt, zu dem die Tischtenniswelt aufschaut. Auch die Adresse seines neues Domizils im hessischen Ort Höchst symbolisiert den Aufstieg des Timo Boll. Gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Deli wohnt er dort an der „Himmelsleiter". Über der Nummer eins auf der Welt kommt nur noch der Himmel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar