Sport : Dann doch lieber Lotto

Bei Bayer Leverkusen glaubt nach dem 1:3 gegen den FC Barcelona niemand mehr an ein Weiterkommen in der Champions League.

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Leichte Übung. Für Alexis Sanchez (links) und den FC Barcelona hatte das Spiel in Leverkusen phasenweise Züge einer besseren Trainingseinheit. Foto: AFP
Leichte Übung. Für Alexis Sanchez (links) und den FC Barcelona hatte das Spiel in Leverkusen phasenweise Züge einer besseren...Foto: AFP

Die Freude stand ihm noch im Gesicht, da versuchte Josep Guardiola schon den Mahner zu geben. „Deutsche Mannschaften können immer zurückkommen. Man darf sie nie unterschätzen und muss ständig auf der Hut sein. Deshalb war unser Sieg nur ein erster Schritt“, sagte der Trainer des FC Barcelona nach dem Spiel bei Bayer Leverkusen. Seine Mannschaft hatte dieses Hinspiel im Achtelfinale der Champions League erwartungsgemäß 3:1 (1:0) gewonnen, und angesichts des eindeutigen Resultates wirkte Guardiolas Warnung wie eine reine Höflichkeitsmaßnahme. Was sollte er auch sagen? Dass sein Team schon durch und das Rückspiel in drei Wochen in Barcelona nur noch eine Formalie sei? Dafür ist Guardiola zu sehr Gentleman.

Auf Leverkusener Seite sah man die Sache nüchterner. Stefan Reinartz antwortete auf die Frage, wie realistisch denn die Chancen auf den Einzug ins Viertelfinale jetzt noch seien: „Da kann man auch Lotto spielen. Die Möglichkeit, dort zu gewinnen, ist genauso groß.“ Leverkusen müsste beim Rückspiel entweder mit drei Toren Unterschied gewinnen oder mindestens vier Tore erzielen, um doch noch eine Runde weiter zu kommen. Das letzte Mal, dass Barcelona ein Spiel in der Champions League so hoch verloren hat, ist schon zehn Jahre her. Damals hieß es 0:3 beim AS Rom.

Reinartz liegt mit seinem Lotto-Vergleich vielleicht nicht ganz falsch, doch es war genau diese Haltung, die dazu beitrug, dass Leverkusen das Hinspiel verlor. Der übermäßige Respekt vor dem Titelverteidiger aus Spanien lähmte das Spiel der Gastgeber vor allem in der ersten Halbzeit, konstruktives Offensivspiel gab es kaum.

Die anfängliche Mutlosigkeit hatte Robin Dutt seinen Spielern nicht verordnet, die defensive Aufstellung mit drei Mittelfeldspielern vor der Abwehr sehr wohl. Bezeichnend, dass der Trainer, der sich mit seinem Stabilitätsdenken nicht nur Freunde bei Bayer gemacht hat, folgenden Lerneffekt aus dem Spiel mitnahm. „Die technische Differenz zu den Barça-Spielern wird in diesem Leben schwer aufzuholen sein. Aber das Spiel gegen den Ball, das kann man lernen“, sagte er. So festigte sich der Eindruck, dass Dutt das Europapokal-Spiel als Trainingseinheit im Verschieben der Abwehrreihen ansah. Erschwerend kommt hinzu, dass Bayer derzeit nicht in der Lage ist, offensiv Akzente zu setzen. In der Bundesliga hat die Mannschaft nach 21 Spielen nur 28 Tore erzielt. In der vergangenen Spielzeit waren es zum gleichen Zeitpunkt 41.

Dutt ist auch deshalb in Leverkusen in die Kritik geraten, sein dröger Ergebnisfußball hat mit der Leichtigkeit der Heynckes-Ära nichts gemein. Gegen Barcelona konnte seine Taktik auf Dauer aber nicht gut gehen. Barcelona war zuletzt vor zweieinhalb Jahren in der Champions League ohne eigenen Torerfolg geblieben – bei minus 15 Grad in Kasan. Gegen Leverkusen traf Alexis Sanchez kurz vor der Pause als Erster, später stellten der Chilene mit seinem zweiten Tor und Lionel Messi den Endstand her.

Der argentinische Weltfußballer war nicht nur für die Fans in der Leverkusener Arena die Attraktion des Abends. Als Schiedsrichter Craig Thomson zur Pause pfiff, stürmten Michal Kadlec und Manuel Friedrich auf Messi zu, um ihn zum Trikottausch zu nötigen. Es hatte den Anschein, als diene einigen Spielern das Duell mit Barcelonas Weltstars hauptsächlich zum Füllen des eigenen Trophäenschranks.

Was bei mutigerer Spielweise vielleicht schon in der ersten Halbzeit möglich gewesen wäre, sahen die Zuschauer nach dem Seitenwechsel. Kadlec, der aus dem Wettstreit mit Friedrich als Verlierer hervorging und erst nach dem Schlusspfiff auch noch ein Trikot von Messi bekam, traf per Kopf zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Mit dem eingewechselten Stefan Kießling als zweitem Stürmer neben André Schürrle war das Leverkusener Spiel nicht mehr so ausrechenbar, trotzdem rechtfertigte Gonzalo Castro die defensive Grundausrichtung: „Man kann nicht sagen, ob es mit Stefan gleich anders gelaufen wäre, das ist reine Spekulation.“ Barcelonas Javier Mascherano war jedenfalls nicht unglücklich darüber, dass Leverkusen erst zur zweiten Halbzeit seine Offensivbemühungen intensivierte. „Als sie begannen, mit langen Bällen ihre Angreifer zu suchen, war das nicht unser Spiel. Wir haben dann kurz gebraucht, um uns darauf einzustellen“, sagte der Argentinier.

In dieser Phase wurde deutlich, dass Barcelona in der laufenden Saison defensiv an Stabilität eingebüßt hat. Bei vielen Spielen, die der Spanische Meister in der heimischen Liga nicht gewinnen konnte, zeigte sich die Abwehr anfällig. Leverkusen konnte das jedoch nicht nutzen, weil man zu wenig investierte.

Dabei hatte der deutsche Vizemeister in der Vorrunde Valencia und den FC Chelsea noch mit einer mutigeren Ausrichtung niedergerungen. Generell spielte die Mannschaft in der Champions League vor allem im eigenen Stadion teilweise begeisternden Fußball. Im Gegensatz zur Bundesliga, wo Bayer bisher schwächelt und am Sonnabend den FC Augsburg empfängt, war die Champions-League-Saison ein Erfolg. Der Klub hat durch das Erreichen des Achtelfinales schon jetzt einen zweistelligen Millionenbetrag eingenommen. Dass in dieser Spielzeit noch mehr Geld dazu kommt, ist aber unwahrscheinlich. Dafür fehlt den Leverkusenern sportlich der Glaube an sich selbst.

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