Sport : Das Biest fliegt davon

Herausforderer BMW Oracle deklassiert Titelverteidiger Alinghi im ersten Rennen des America’s Cup

Ingo Petz[Valencia]
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Dreimal schneller als der Wind. BMW Oracle zog auf und davon. Foto: ReutersX90074

Als James Spithill den gewaltigen Trimaran nach mehr als zweieinhalb Stunden über die Ziellinie steuert, zeigt er keine Reaktion. Auf einem Beiboot dagegen wird gejubelt. Milliardär Larry Ellison, Eigner von BMW Oracle, und der Chef des US- Teams Russell Coutts, beglückwünschen sich zum ersten Sieg gegen den Titelverteidiger Alinghi im 33. America’s Cup. Der australische Steuermann aber, der mit 30 Jahren sein erstes Final-Match im America’s Cup gewinnt, wirkt unbeeindruckt.

Dabei hatte er den Schweizer Titelverteidiger im ersten Rennen der Best-of- Three-Serie vollkommen beherrscht. Rund vier Kilometer lagen am Ende zwischen den beiden – der Alinghi-Katamaran erreichte abgeschlagen mit einem Rückstand von 15:28 Minuten das Ziel. BMW Oracle hat nun die besten Chancen, bereits beim nächsten Wettrennen am Sonntag den Cup zurück in die USA zu holen. Von dort hatte ihn Coutts als Steuermann der neuseeländischen „Black Magic“ 1995 in den Südpazifik entführt.

Um 14.34 Uhr hatte Wettkampfleiter Harold Bennett den 33. Cup gestartet, nachdem bereits zwei Renntage aufgrund von seichten Winden und zu hohen Wellen abgesagt werden mussten. Das Cup-Duell drohte zur Lachnummer zu werden. Auch die Vorhersagen für den gestrigen Tag hatten die Experten nicht zuversichtlich gestimmt. Gegen Morgen waren Alinghi und BMW Oracle, Zuschauer- und Begleitboote bei strahlendem Sonnenschein und kühlen Temperaturen in Richtung Rennstrecke gefahren. Vier nervenaufreibende Stunden mussten Fans und Segler warten.

Dann stellte sich doch noch das gewünschte Wetter an der Startlinie des 20 mal 20 Seemeilen großen Rennkurses nördlich von Valencia ein: seichter Wellengang, Winde um die fünf Knoten. Das sehnsüchtig erwartete Duell, das in den vergangenen 30 Monaten aufgrund der juristischen Auseinandersetzung für so viel Frust und Wut in der Segelszene gesorgt hatte, begann mit einem Paukenschlag. In der Vorstartphase wich Alinghi-Steuermann Ernesto Bertarelli dem von Steuerbord auf die Startlinie zusegelnden US-Trimaran, der Vorfahrt hatte, nicht rechtzeitig aus und riskierte einen Zusammenstoß. Die Amerikaner protestierten und bekamen Recht. Die Schweizer starteten also mit einem Penalty und waren mit dem Handicap angehalten, eine 270-Grad- Wende fahren zu müssen. Doch Milliardär Bertarelli erwischte den besseren Start, fuhr den gewaltigen Katamaran sauber über die Startlinie und setzte sich ab. Sein Gegner hatte den 30 mal 30 Meter großen Trimaran vor der Startlinie in den Wind gefahren und stand, bis er den Koloss doch noch über die Line bekam und mit einem Rückstand von 1:45 Minuten ins Rennen ging. Die Alinghi war da schon auf 660 Meter davon gesegelt.

Aber dann schloss BMW Oracle blitzschnell auf. Dreimal schneller als der Wind schoss der weiße Koloss auf der linken Seite des Kurses über das Wasser. Spithill schien die Geschwindigkeit von über 50 Kilometer pro Stunde kaum zu beeindrucken. Lässig wie an einer Bar stand der Australier an seinem Steuer und hielt das „Biest“, wie er den Trimaran bezeichnet, optimal hoch am Wind. Alinghi kam noch einmal heran und zog auf 440 Meter davon, doch dann flog das US-Boot endgültig mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 28 Knoten davon. „Dieser Flügel ist eine Waffe“, schrie Segelexperte Andy Green. „Der absolute Wahnsinn.“ Das über 660 Quadratmeter große Flügel-Segel, das theoretisch wie die Tragfläche eines Flugzeugs funktioniert, scheint der entscheidenden Vorteil für das US-Team zu sein. Der zweimalige Cup-Sieger aus der Schweiz, der mit einem herkömmlichen Segel antritt, konnte den fliegenden Amerikanern schließlich nicht mehr folgen.

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