Sport : Das Ende aller Rechnungen

Miroslav Klose hatte lange kein Tor erzielt – ob 625 oder 629 Minuten, ist jetzt wieder egal

Stefan Hermanns

Hannover. Es gibt Stürmer, von denen die Leute sagen, dass sie einfach Pech haben, wenn sie das Tor nicht treffen. Und es gibt Stürmer, die in einer tiefen Krise stecken. Stürmer in der Krise erkennt man daran, dass in den Zeitungen immer die exakte Zahl der Spielminuten veröffentlicht wird, die seit ihrem letzten Torerfolg vergangen sind. Bei welcher Ziffer genau der Krisenzustand beginnt, ist allerdings allein vom subjektiven Gefühl der Journalisten abhängig. Man könnte auch sagen: von ihrer Willkür. Manchmal sind es 489, manchmal 753. Oder 551 wie bei Miroslav Klose. Der „Kicker“ (Ausgabe vom 7.10.2002) hat diese Zahl vor dem Spiel gegen Bosnien-Herzegowina verbreitet. In Sarajevo kamen für den Angreifer des 1. FC Kaiserslautern bis zu seiner Auswechslung 77 torlose Minuten hinzu – was nach „Kicker“-Rechnung (14.10.2002) insgesamt 578 machte – und gegen die Färöer noch einmal 58. Dann hechtete Klose einen Flankenball in Knöchelhöhe mit dem Kopf zum 2:1-Endstand ins Tor.

Dass die quasi-offizielle Minutenangabe anschließend zwischen 625 (Sportinformationsdienst) und 629 (Deutsche Presse-Agentur) schwankte, zeigt nur, welch geringe Aussagekraft solch pseudogenauen und vermeintlich objektiven Kriterien besitzen. Weder die eine noch die andere Zahl wird morgen noch irgendjemanden interessieren. „Ich persönlich habe die Minuten immer nur gelesen“, hat Klose nach seinem 14. Tor im 22. Länderspiel gesagt, „ich habe sie nie gezählt.“ Eins aber war auch ihm aufgefallen: „Von Spiel zu Spiel hat’s länger gedauert.“

Sieben Spiele ohne Tor wurden es schließlich in der Nationalelf, und auch in der Bundesliga war Klose bis zum vorletzten Wochenende in sechs Begegnungen erfolglos geblieben. „Der Miro wird auch wieder treffen“, hat Carsten Jancker vor dem Spiel gegen die Färöer gesagt. Es war eine seltsame Situation, dass sich ausgerechnet Jancker für seinen Kollegen verwenden musste. Jener Jancker, der für seine Arbeitgeber Bayern München und Udinese Calcio, seit knapp anderthalb Jahren, seit dem 12. Mai 2001, kein Ligator mehr erzielt hat, der aber zuletzt wenigstens für die Nationalmannschaft getroffen hatte.

Jancker ist so etwas wie der Lieblingspartner von Miroslav Klose. Sie ergänzen sich, weil sie so verschieden sind. Jancker zieht schon durch sein forderndes Auftreten viel Aufmerksamkeit auf sich, er hat seine Stärken am Boden, nicht beim Kopfball. Bei dem manchmal verhuschten Klose ist es umgekehrt. Es waren also recht günstige Voraussetzungen für den 24-Jährigen aus Kaiserslautern. Gegen die Färöer hatte er mit Jancker genau den richtigen Mann an seiner Seite, und beim Gegner bekam es Klose vornehmlich mit einem 19-jährigen Schüler und einem 30 Jahre alten Grundschullehrer zu tun. „Ich habe natürlich gehofft, dass ich irgendwann mal treffe“, hat Klose nach dem Sieg gegen die Färöer gesagt. Vermutlich waren seine Hoffnungen nie berechtigter als vor diesem Spiel.

Das letzte Tor für die Nationalmannschaft hatte Klose am 11. Juni erzielt. Es war bei der WM, im dritten Gruppenspiel gegen Kamerun, und es war Kloses fünfter Treffer im Laufe des Turniers. „Die Weltmeisterschaft hat die Erwartungen an ihn fast ins Unermessliche gesteigert“, sagt Teamchef Rudi Völler. „Dass der Miro eine schwierige Saison haben würde, war mir klar.“

Klose selbst hat geahnt, dass es nicht so weitergehen würde wie zu Beginn der Weltmeisterschaft: „Es wird schwerer für mich. Weil mich jetzt alle kennen und jeder sich mit mir beweisen will.“ Miroslav Klose geht nun nicht mehr als der unbekannte Nachwuchsstürmer durch, seine Tore bei der WM haben ihn zur großen Nummer gemacht. Die Umstände haben sich verändert, Miroslav Klose aber wird wohl immer brav bescheiden und bodenständig bleiben. Ob er schon zu Hause angerufen habe, um von seinem Triumph zu künden, wurde er nach dem Tor gegen die Färöer gefragt. „Ich habe angerufen, um zu fragen, wo mein Auto steht.“

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