Sport : Das Geheimnis der Ampullen

Fußball-Weltmeister von 1954 bekamen Vitamin C gespritzt

Erik Eggers

Köln. Die Stimme des Helden von Bern bebt. Horst Eckel, der 1954 bei der Fußball-Weltmeisterschaft als Läufer mithalf, die favorisierten Ungarn mit 3:2 zu bezwingen und den größten Triumph in der deutschen Fußballgeschichte zu sichern, ist aufgebracht. Er sieht heute, knapp ein halbes Jahrhundert später, sein Lebenswerk gefährdet. „Was da hochkommt, ist die größte Frechheit, die ich erlebe“, echauffierte sich gestern der 72-Jährige in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Was den Weltmeister aus Kaiserslautern so in Wallung bringt, ist eine Enthüllungsstory von „Report Mainz“. Das ARD-Politmagazin berichtete am Montag über vergessene Aspekte des „Wunders von Bern“, die mit dem gewaltigen Mythos 1954 nur schwer vereinbar scheinen. Die Rede ist von „Doping-Gerüchten“ und einer „rätselhaften Gelbsucht-Affäre“. Beruhte der Sieg der Herberger-Elf auf unlauteren Mitteln?

In „Report“ kommt Walter Brönnimann zu Wort, damals als Platzwart im Berner Wankdorf-Stadion beschäftigt. „Wir haben beim Aufräumen einige Ampullen gefunden“, sagt Brönnimann, leer seien sie gewesen und versteckt unter den Wasserablaufgittern, „da war sicher etwas Verbotenes drin“. Es spricht Albert Sing, seinerzeit von den Schweizer WM-Organisatoren als Attaché für das deutsche Team abgestellt. „Ich habe es komisch gefunden“, sagt Sing. Damit meint er die damals an den Tag gelegte Praxis, den Spielern eine Flüssigkeit zu injizieren – welchen Inhalts, ist ihm nicht bekannt, er sei bei den Injektionen nie dabei gewesen.

Professor Franz Loogen, der damals dem Deutschen Fußball-Bund als Mannschaftsarzt diente und später zu einem Nestor der Kardiologie aufstieg, kann jedoch zur Aufklärung beitragen. „Es war so, dass der Rahn von einer Südamerikareise (mit Rot-Weiß Essen, d. Red.) zurückkam und erzählte, dass die Brasilianer da alle Medikamente bekommen hätten, vor dem Spiel. Und so hieß es dann bei uns in der Mannschaft: ‚Können wir das denn nicht auch machen?’“ Loogen berichtet weiter: „Da sind wir auf den Dreh gekommen, Vitamin C den Spielern zu geben. Das haben sie auch bekommen. Sonst nichts.“ Wie oft, in welchem Umfang, zu welchem Zeitpunkt – all das klärt der „Report“-Film nicht. Nur Loogens Einschätzung der Wirkung dieser Spritzen. „Das mag die beflügelt haben“, sagt Loogen.

Eines steht fest: „Die Akteure von 1954 wussten, dass sie etwas Unrechtes taten“, sagt der Doping-Experte und Buchautor Martin Krauss, aus diesem Grund hätten sie die Injektionen auch verheimlicht. Obwohl eine Vitamin-C-Zufuhr heute unspektakulär erscheint, reagiert Arzt Loogen im TV-Interview nervös. Zwar existierten seinerzeit noch keine Dopinglisten geschweige denn Dopingkontrollen. Aber eine 1952 abgegebene Erklärung des Deutschen Sportärzte-Bundes, der auch der DFB zugestimmt hatte, betrachtete als Doping „jedes Medikament – gleichgültig, ob es wirksam ist oder nicht –, das mit der Absicht der Leistungssteigerung vor Wettkämpfen gegeben wird“. Das war die Basis der 1957 erhobenen Dopingvorwürfe von Ferenc Puskas, die weltweit für Schlagzeilen sorgten.

Weitgehend aufgeklärt scheint hingegen das Geheimnis der späteren Gelbsuchtepidemie, die dafür sorgte, dass die Weltmeisterelf nie wieder zusammenspielte. Fritz Walter, Ottmar Walter, Helmut Rahn lagen um die Jahreswende 1954/55 mit Hepatitis-Infektionen auf Intensivstationen, die mit großer Wahrscheinlichkeit zurückgehen auf die Spritzenpraxis in der Schweiz. Vermutlich habe einer der Spieler den Gelbsucht-Erreger in sich getragen, bestätigt Loogen, so seien die anderen Spieler infiziert worden.

Vor diesem Hintergrund scheinen einige Todesfälle im 54er-Kader besonders tragisch. Nicht nur Ersatzspieler Richard Herrmann, der sein Leben lang Abstinenzler war, starb bereits 1962 mit 39 Jahren an einer Leberzirrhose. Auch bei den Herzversagen von Werner Liebrich und Karl Mai soll, wie ein eben erschienenes Buch berichtet (Jürgen Bertram, „Die Helden von Bern“), die Gelbsucht eine wesentliche Rolle gespielt haben.

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