Sport : Das Geld sitzt auf der Bank

Klaus Rocca

Alexandre Alves do Nascimento, kurz Alves genannt, war gestern beim Abschlusstraining wieder dabei. Doch so recht beachtet wurde er nicht. Im Gegensatz zu seinem Landsmann Marcelinho. Beide waren zuletzt verletzt, beide stiegen gestern wieder ins Training ein. Der eine, Alves, könnte heute im Uefa-Pokal-Rückspiel gegen Servette Genf (18 Uhr, Olympiastadion, live in der ARD) mitmachen, wird es aber nicht. Der andere war gegen den FC Bayern trotz einer schmerzhaften Wunde der überragende Herthaner und wird heute dringend gebraucht. Über Marcelinho sprechen sie alle, über Alves spricht kaum noch einer. Wer zehn Pflichtspiele in Folge nicht verlor, wer gerade den Weltpokalsieger niederkämpfte, der befasst sich nicht so gern mit Verlierern. Alex Alves ist ein Verlierer.

Kürzlich, beim Pokalspiel in Erfurt, schien der teuerste Spieler der Vereinsgeschichte die Höchststrafe bekommen zu haben: in der 46. Minute eingewechselt, in der Verlängerung schon nicht mehr dabei. Trainer Jürgen Röber war nicht entgangen, dass Alves in den wenigen Minuten seines Einsatzes nichts Vernünftiges zustande gebracht hatte. Die offizielle Wertung des Kurzauftritts formulierte Röber im diplomatischen Ton: Er habe Alves aus dem Spiel genommen, weil dieser nach gerade überstandener Verletzung "auf dem tiefen Boden vielleicht noch einen Muskelriss erlitten hätte". Wenig später erlitt Alves beim Training eine Adduktorenzerrung, beim Spiel gegen den FC Bayern zählte er gar nicht zum Kader.

Dass er heute nicht gebraucht wird, könnte Alves schmerzen. Schließlich läuft ihm die Zeit davon. Erst kürzlich hat ihm Manager Dieter Hoeneß, einst einer der heißesten Befürworter des Brasilianers, ein Ultimatum gestellt. "Er muss nun endlich zeigen, was er kann. Sonst müssen wir überlegen, wie es mit ihm weitergeht", sagte Hoeneß. Im Klartext: Ruft Alves nun nicht schleunigst sein zweifellos vorhandenes Potenzial ab, wird sich der Verein von ihm trennen. Nur: Wenn Alves gar nicht spielt, kann er auch nichts abrufen. Röber hatte erst kürzlich erklärt, es falle ihm derzeit natürlich leichter, Alves nicht aufzustellen als kurz nach dessen Verpflichtung für 15,2 Millionen Mark.

Ob es Alves wirklich schmerzt, nicht aufgestellt zu werden, ist jedoch keineswegs sicher. Nach wie vor steht die Frage im Raum, ob er nicht seinen Abgang provozieren will. Wie authentisch jenes Interview in einer brasilianischen Zeitung war, in dem er mit dem Wunsch zitiert wurde, möglichst schnell in seine Heimat zurückkehren zu wollen, blieb ungeklärt. Alves hat dementiert. Dennoch bleiben Zweifel. Auch bei seinem Trainer. "Ich weiß nicht, wie es in seinem Inneren aussieht. Manchmal wirkt er im Training enorm ehrgeizig, dann habe ich wieder das Gefühl, er ist mit sich und der Welt im Unreinen", sagt Röber. Solange Alves noch einen Vertrag bei Hertha habe, werde er jedenfalls noch auf ihn hoffen. Der Vertrag läuft noch zweieinhalb Jahre, bis zum 30. Juni 2004. Angeblich ist jedes Jahr mit 4,5 Millionen Mark dotiert. Der Gesamttransfer beläuft sich damit auf rund 35 Millionen Mark. Das ist viel Geld, auch und gerade für Hertha BSC. Die Verbindlichkeiten des Vereins werden auf über 45 Millionen Mark beziffert.

Längst hat sich bei Hertha BSC die Erkenntnis durchgesetzt, dass Alves diese Investition nicht wert war. Um das Gegenteil zu beweisen, müsste Alves schon spielen. Heute gegen Genf will Röber nach dem 0:0 beim Hinspiel "im Sturm weit mehr Druck machen". Müsste er einen Stürmer ersetzen, hätte wohl der fast schon abservierte Ali Daei bessere Karten als Alves. So weit ist es mit Alves schon gekommen.

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