Sport : Das Gesetz

Die Fans feiern den Trainer, aber nach dem 0:1 in Mönchengladbach trennt sich Hannover 96 von Ralf Rangnick

Andreas Morbach

Mönchengladbach/Hannover. Am Sonntagmorgen wurde nur noch verkündet, was einen Abend vorher eigentlich schon jeder gewusst hatte. Fußball-Bundesligist Hannover 96 trennt sich von seinem Trainer Ralf Rangnick. „Die Gesetze des Marktes sind so. Ich bedauere die Entscheidung, dass wir Ralf Rangnick beurlauben müssen“, verkündete Hannovers Präsident Martin Kind bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem entlassenen Trainer. Rangnick selbst kommentierte seine Entlassung so: „Für mich ist es ein trauriger Tag. Bei meiner Arbeit in Hannover war auch Herzblut dabei. Ich gehe nicht mit Verbitterung, aber mit einer großen Enttäuschung.“

Noch am Samstagabend hatten sich die Bewohner der schnieken Villen in Mönchengladbachs Bökelstraße ordentlich gewundert. Grölende Menschenkarawanen und Bierdosen in den Vorgärten sind sie nach Fußballspielen ja gewöhnt, aber solch einen Auflauf hatten sie am Südausgang des maroden Bökelbergstadions lange nicht mehr erlebt. Anstatt nach Hause zu gehen, standen dort gegen 18 Uhr jede Menge wütende Fans und hütende Polizisten herum. Und mittendrin gestikulierte ein kleiner Mann beschwichtigend mit den Händen herum.

Es war der persönliche Abschied des Fußballlehrers Ralf Rangnick von Hannovers Fans, die ihn, manche mit Tränen in den Augen, einfach nicht gehen lassen wollten. Dabei war die Beurlaubung des Trainers aus dem Schwäbischen mit dem 0:1 seiner Mannschaft bei Borussia Mönchengladbach seit einer Dreiviertelstunde im Prinzip amtlich. Eine Niederlage, selbst ein Unentschieden auf dem Bökelberg, das hatte Vereinsboss Martin Kind am Morgen noch einmal bestätigt, und Rangnick würde nicht mehr Trainer von Hannover 96 sein.

„Wenn der Trainer weggeht, ist das nie gut“, sagte Kapitän Steven Cherundolo. Rangnick hatte Hannover seit Juli 2001 trainiert und war ein Jahr später mit Rekordpunktzahl in die Bundesliga aufgestiegen. Im vergangenen Jahr bewahrte er die Mannschaft dann vor dem Abstieg. Doch auch das half ihm in der aktuellen Situation nicht mehr. Hannover hat die letzten drei Spiele verloren und liegt jetzt nur noch einen Punkt vor einem Abstiegsplatz. „Ein Trainer wird bezahlt, um die Mannschaft sportlich weiterzuentwickeln. Für die Ergebnisse muss er die Verantwortung übernehmen“, sagte Präsident Kind. „Die derzeitige Entwicklung ist absolut inakzeptabel. Sie hat uns unvorbereitet und völlig überraschend getroffen.“

Ob diese Aussage so stimmt, ist allerdings fraglich. Friedhelm Funkel hat zugegeben, dass er sich in der vergangenen Woche mit Kind getroffen hat. Und auch mit Ewald Lienen soll Hannovers Präsident bereits Kontakt aufgenommen haben. Unklar ist allerdings noch, wer am Samstag, im wichtigen Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern, auf Hannovers Bank sitzt.

„Ich wünsche meinem Nachfolger viel Glück, damit er die Blockade in der Mannschaft lösen kann“, sagte Rangnick. Aussichtsreichste Kandidaten für den Job sollen Ewald Lienen und Erik Gerets sein, die beide ebenfalls schon in dieser Saison entlassen wurden. Andreas Brehme und Friedhelm Funkel sollen dagegen schon aus dem Rennen sein. Bis auf Weiteres wird Rangnicks Assistent Mirko Slomka die Mannschaft trainieren (siehe auch nebenstehendes Interview).

Ralf Rangnick selbst hatte sich tags zuvor gar nicht mehr bemüht, dem leidenden Anhang noch Hoffnungen zu machen. Stattdessen spielte er den Prediger und gab den Menschen, die zuvor im Stadion „Außer Rangnick könnt ihr alle gehen“ gesungen hatten, Verhaltensregeln mit auf den Weg. „Wenn ihr euch jetzt von der Mannschaft abwendet, steigt sie ab“, sagte er und vollendete sein Orakel mit ernster Miene: „Meine Bitte an euch: Macht das nicht!“ Am Tag seiner Entlassung wandte er sich sogar mit einem offenen Brief an den Anhang: „Gebt dem Trainer und der Mannschaft die volle Unterstützung, dann wird der Klassenverbleib auch geschafft.“

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