Sport : Das große Flattern

Torwart Pieckenhagen bereitet dem HSV Kummer

Karsten Doneck

Berlin - Martin Pieckenhagen erhob sich vom nassen Rasen, ließ zwischen seinen Lippen kurz einen weißen Kaugummi hervorblitzen, dann schüttelte er ausgiebig den Kopf. Ein Torwart und die mentale Verarbeitung eines von ihm verschuldeten Gegentreffers: Was da beim 1:0 von Hertha BSC in seinem Innersten vorgegangen war, das wollte der Schlussmann des Hamburger SV selbst nach Spielschluss nicht preisgeben. Pieckenhagen, sonst ein Freund klarer Ansagen, suchte, den Blick stur geradeaus gerichtet, schnurstracks das Weite. Schon in der vierten Minute hatte er einen nicht sonderlich wuchtigen Freistoß von Marcelinho abprallen lassen, Herthas Reina staubte ab. Es war der Beginn eines für die Hamburger lausigen Nachmittags in Berlin.

In jüngster Vergangenheit sind Pieckenhagen mehrfach Missgeschicke passiert, kleine und große. So hatte er gleich am ersten Spieltag der Rückrunde beim FC Bayern den Ball nach einem Freistoß von Mehmet Scholl unterlaufen, Pizarro nickte zur 1:0-Führung für die Münchner ein. Endstand: 3:0 für die Bayern.

Dem HSV droht jetzt eine Torwartdiskussion. Sehr zum Leidwesen von Trainer Thomas Doll. Der sträubte sich nach dem Auftritt in Berlin vehement dagegen, seine Nummer 1 in Frage zu stellen. Zumindest aber gab Doll Gesprächsbedarf in der Torhüterfrage zu erkennen. „Natürlich setzen wir uns in der Woche zusammen“, sagte er. Um dann den Interpretationsspielraum aber sofort wieder einzugrenzen: „Aber ich rede mit allen: mit den Verteidigern, dem Mittelfeld, den Angreifern, natürlich auch mit dem Torwart.“ Die Situation ist für Doll nicht einfach. Einerseits wird Ersatzmann Stefan Wächter sich schon mal fragen, wieso er keine Chance erhält, wenn Pieckenhagen Fehler macht, andererseits führt eine Änderung in der Torwart-Hierachie nicht selten zu einer völligen Verunsicherung bei der bisherigen Nummer 1.

Pieckenhagen musste beim HSV schon einmal zuschauen, und zwar sieben Monate lang – zwangsweise. Mitte Oktober 2003, beim 0:4 in Kaiserslautern, hatte er sich das Kreuzband im rechten Knie gerissen. Wächter hütete fortan 24 Spiele lang das HSV-Tor. Er hielt souverän, strahlte sehr viel Ruhe aus – oft sogar weitaus mehr als zuvor Pieckenhagen. Doch als Pieckenhagen im Training wieder Anschluss suchte, fing Wächter an zu flattern, wurde selbst zum Risikofaktor. So kehrte Pieckenhagen zu Beginn dieser Saison ins HSV-Tor zurück. Er spielte eine gute Hinrunde, sein Klub verlängerte im Winter-Trainingslager in La Manga seinen Vertrag bis Juni 2007.

Und jetzt? Doll will offenbar keinen Torwartwechsel. Er wirbt stattdessen um Verständnis für Pieckenhagen. „Wir machen doch alle Fehler“, sagt Doll.

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