Sport : Das große Ziel nicht aus den Augen verloren

DIETMAR WENCK

Ohne aufzumucken, will sich Alba Berlins Jörg Lütcke seinen Weg in der Hierarchie nach oben bahnenVON DIETMAR WENCK BARCELONA."Ach, ja!" Jörg Lütcke stöhnt auf bei der Frage, wie denn seine persönliche Zwischenbilanz bei Alba Berlin aussehe.Der 21jährige Basketball-Nationalspieler bekommt diese Frage oft genug gestellt, um längst die Frage hinter der Frage zu erkennen.Sein Vertrag beim derzeit besten deutschen Verein läuft im Sommer aus.Und mit der Rolle als Mann, der von der Bank kommt, kann ein solches Talent doch wohl nicht zufrieden sein, oder? Andere Klubs haben schon angefragt, ob er nicht wechseln und bei ihnen mehr Verantwortung tragen wolle.Sogar im Nationalteam wurde er von Kollegen angesprochen.Und Lütcke macht auch gar keine Mördergrube aus seinem Herzen."Es war anfangs schon schwierig, sich in meine Rolle einzufinden, meine Erwartungen zurückzuschrauben", sagt er, "aber ich denke, mit 21 muß man noch nicht in jedem Spiel 30 Minuten dabeisein.Ich bin relativ zufrieden." Zumal es ja durchaus schon lange Einsatzzeiten gab.Zum Beispiel in Trier, wo er in der Anfangsformation stand und prompt mit 20 Punkten bester Werfer seines Teams war.Die Fachzeitschrift "Basketball" kürte ihn gar zum Matchwinner.Im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen stand Jörg Lütcke 30 Minuten, 17 Sekunden auf dem Parkett der Schmeling-Halle und bot ebenfalls eine gute Leistung.In Trier fehlte der verletzte Henrik Rödl, gegen Leverkusen hatte Henning Harnisch Fersenprobleme.Diese beiden Spieler, das weiß Lütcke, stehen vor ihm in der Hierarchie.An ihnen vorbeizukommen, ist sehr schwer, sobald sie halbwegs gesund waren, nahm der junge Mann wieder seinen Platz auf der Bank ein.Und mußte am vergangenen Sonnabend gegen Bonn mitansehen, daß Rödl alles andere als berauschend spielte, doch Trainer Svetislav Pesic ließ den 28jährigen spielen: "Ich hätte Jörg gern mehr eingesetzt, aber Henrik ist wichtig für die Mannschaft." Lütcke hatte sich das von der Bank aus zuschauend schon gedacht: "Man muß realistisch sein, Henrik ist ein Leistungsträger dieser Mannschaft, und er muß seine Form wiederfinden." Widerspruchslos ergibt sich der junge Mann in seine Rolle. Aber er gibt noch lange nicht auf.Lütcke ist bekannt für seinen Trainingsfleiß.Auch wenn die Mutter ihren jüngsten von drei Söhnen manchmal fragt, "wann ich denn mal was Richtiges machen will", hat Jörg Lütcke sein Ziel, als Basketball-Profi weiterzumachen und weiterzukommen, nicht aus den Augen verloren.Andere, vage Berufsvorstellungen wie Sportjournalist oder Physiotherapeut sind vorerst hintenangestellt.Chancen bei Alba kommen, und dann muß man sie nutzen.Wie Ademola Okulaja vor zwei Jahren, der in den Korac-Cup-Endspielen zur "ersten Fünf" gehörte.Oder der momentan verletzte Drazan Tomic, der in der vergangenen Saison große Fortschritte gemacht hatte und auf gutem Wege war, ein Startspieler zu werden."Es muß ein Leistungssprung kommen.Wenn Jörg so weiterarbeitet, ist das Potential auf jeden Fall da, es zu schaffen", macht Co-Trainer Burkhardt Prigge Mut.Lütcke hat ein gutes Händchen beim Wurf und ist ein guter Verteidiger, in den Augen von Pesic die Hauptsache, denn sein Basketball-Credo lautet: über gute Verteidigungsarbeit ins Spiel kommen. Und dann drin bleiben.Langfristig gesehen, will Jörg Lütcke in einer Mannschaft wie Alba Berlin zum Stammspieler werden. "Man soll nie irgendetwas ganz ausschließen", sagt der 21jährige.Doch zunächst einmal wird die Saison zu Ende gespielt, die Play-offs um die angestrebte Deutsche Meisterschaft stehen bevor.Der erste Kontrahent heißt SG Braunschweig."Der Gegner ist eigentlich egal, auf uns kommt es an." Selbstbewußt gibt sich Lütcke auch im Hinblick auf das heutige Spiel."Wenn wir so spielen, wie wir können, dann können wir jeden schlagen, auch Barcelona." Mal abwarten.Zumindest ist Lütckes Optimismus ein gutes Zeichen.Ohne den wäre seine Rolle noch schwerer zu spielen.

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