Sport : Das Gute am Bösen

Edgar Davids ist ein verbissen kämpfender Außenseiter – nun soll er Holland zum Sieg über Schweden und zum EM-Titel verhelfen

Stefan Hermanns[Faro]

Edgar Davids verfügt über eine seltene Gabe. Es ist die Gabe, sein Umfeld in jeder Situation außergewöhnlich unterwürfig erscheinen zu lassen. Vor kurzem war der Mittelfeldspieler der holländischen Nationalmannschaft mit drei Kollegen zur Pressekonferenz einbestellt worden, und nach einigen Fragen an seine Nebenleute wamdte sich ein Reporter des holländischen Fernsehens an Davids. „Edgar, kann ich dich auch etwas fragen?“, begann er vorsichtig, woraufhin sich der Pressesprecher des niederländischen Fußballverbandes erst einmal genötigt sah, eine Erklärung abzugeben, welchem Zweck die ganze Veranstaltung überhaupt diene.

Ja, man kann auch Edgar Davids etwas fragen. Man sollte nur keine erhellenden Antworten von ihm erwarten. „Wenn du das so findest“, sagt er zum Beispiel auf Einlassungen von Experten und Beobachtern. Was er selbst findet, behält er am liebsten für sich. Seit mehr als einem Jahrzehnt bewegt sich Davids auf der großen internationalen Fußballbühne, doch noch immer ist er nach Ansicht des Fachblatts „Johan“ nicht weniger als „der große Unbekannte des niederländischen Fußballs“. Er sitzt an der Algarve vor der internationalen Presse und hält sich die gefalteten Hände vor den Mund. Niemand beherrscht diese Rühr-mich-nicht- an-Haltung besser. „Edgar Davids ist ein Monster“, hat Zinedine Zidane einmal über ihn gesagt.

Es gibt Fußballer, die auf dem Platz ganz anders sind als im wirklichen Leben. Zidane zum Beispiel besitzt zwei völlig verschiedene Identitäten. Edgar Davids dagegen ist einfach immer Edgar Davids. Er agiert stets als ein Kämpfer, unnahbar und einsam. Er mag Sportler mit einer zerstörerischen Ausstrahlung, jemanden wie den Boxer Mike Tyson. Über den sagt Edgar Davids: „So wie der musst du gucken, dann wagt sich niemand in deine Nähe.“

Das „Algemeen Dagblad“ hat über Davids geschrieben: „Er bestimmt, niemand sonst. Er ist der König seines eigenen Reichs." Genau das war lange Zeit das Problem des holländischen Fußballs: dass er zu viele Könige hatte und dass das Reich viel zu eng war für all die egozentrischen Stars. Und Davids, der Mann mit der getönten Brille, geboren in Surinam, fußballerisch sozialisiert auf den Straßen von Amsterdam, war der egozentrischste von allen. Gerade dadurch ist er zur Symbolfigur der so genannten Net-niet-Generatie geworden, der Knapp-vorbei-Generation. 1995 gehörte Davids zu jener blutjungen und elegischen Ajax-Mannschaft, die die Champions League gewonnen und damit zu den schönsten Hoffnungen für den holländischen Fußball Anlass gegeben hat. Diese Erwartungen sind bis heute nie erfüllt worden.

Die Europameisterschaft in Portugal ist für die Klasse von 1995 vermutlich die letzte Chance, diesen Makel zu tilgen. Heute spielt die Mannschaft im Viertelfinale gegen Schweden, und wenn die Holländer das Spiel gewinnen und danach zum zweiten Mal nach 1988 den Titel gewinnen wollen, dann geht das nur mit Edgar Davids. Dem Mann, der seinen Eigensinn dem gemeinsamen Ziel unterordnet. Gegen die Deutschen wurde er zur Halbzeit ausgetauscht, weil er wieder einmal sein eigenes Spiel gespielt hatte. Danach aber, in den Vergleichen mit Tschechien und Lettland, zeigte er im defensiven Mittelfeld überragende Leistungen. An seinen guten Tagen vereint Davids Rücksichtslosigkeit und Eleganz: Er beißt seinen Gegenspielern die Bälle vom Fuß und leitet im selben Moment die eigenen Angriffe ein.

Für Fabio Capello, den Trainer des AS Rom, ist der 31 Jahre alte Spieler „auf seiner Position der beste Spieler der Welt“. Dass er Davids vor sieben Jahren vom AC Mailand zu Juventus Turin hat wechseln lassen, bezeichnet er noch heute als einen großen Fehler. In diesem Winter ging der Mittelfeldspieler weiter zum FC Barcelona. Seine neue Mannschaft war damals Siebter der Liga, am Ende der Saison belegte sie Platz zwei. Dafür scheiterte sie im Uefa-Cup bereits im Achtelfinale an Celtic Glasgow. Edgar Davids war für diesen Wettbewerb gesperrt, und Barcelona erzielte in den beiden Spielen kein einziges Tor. Was man an Edgar Davids hat, merkt man manchmal erst, wenn er gar nicht dabei ist.

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