Sport : Das Hölderlin-Prinzip

Stefan Hermanns

Eigentlich sehen Sieger anders aus. Oliver Kahn spricht leise, so wie ein Lehrer das am Anfang einer Schulstunde manchmal tut, wenn die Klasse noch lärmt und auf subtile Weise zur Ruhe gebracht werden soll. Oliver Kahn, der zuletzt jede Menge Spritzen in den Rücken bekommen hat, weil er sich vor zehn Tagen den Wirbel verrenkt hat, sagt: "Ich bin schmerzfrei." Dabei hört er sich so an, als ob er vor lauter Leiden kaum ein Wort hervorbekäme. Das also ist der Mann, auf den die deutsche Nation vorrangig ihre Hoffnungen setzt, der laute Torhüter des FC Bayern München, der seine Mitspieler aus der Nationalmannschaft wachrütteln soll, wenn die heute im ersten Qualifikationsspiel gegen die Ukraine (18 Uhr/live auf Sat 1) mal wieder zu gefährlicher Lethargie neigen.

Es ist in den letzten Tagen viel vom Druck die Rede gewesen, der auf dem deutschen Fußballteam laste. Und wenn einer mit diesem Druck umzugehen verstehe - das war die übereinstimmende Meinung - dann kann das nur Oliver Kahn sein, der beste Torhüter der Welt, der in der besten Mannschaft der Welt spielt. Und jetzt sitzt er da, im Mannschaftshotel der Deutschen, und macht den Eindruck, als habe ihn jemand gerade aus dem Tiefschlaf gerissen. Wie er den ukrainischen Stürmer Andrej Schewtschenko einschätze, wird Kahn gefragt: "Er ist ein sehr guter Stürmer." Punkt. Kahn guckt regungslos. Bei der Nationalmannschaft ist es schon lustiger zugegangen.

Über Schewtschenko könnte man sich abendfüllend unterhalten. Manchmal hatte man zuletzt den Eindruck, die Deutschen spielten heute gar nicht gegen die Ukraine, sondern gegen Andrej Schewtschenko alleine. Vor zehn Tagen hat sich der Stürmer, der beim AC Mailand unter Vertrag steht, das Nasenbein gebrochen, doch von Anfang an haben die Menschen in der Ukraine nicht daran gezweifelt, dass Schewtschenko gegen die Deutschen mitspielen wird. Mitspielen muss. Glaubt man Meldungen aus der ukrainischen Mannschaft, wird der Star stürmen. Und glaubt man Teamchef Rudi Völler, ist der Respekt groß. Mindestens acht defensiv orientierte Kräfte will er in Kiew aufbieten. Deutsche Fußball-Experten haben sich bereits eingehend damit beschäftigt, wie Schewtschenko unter Kontrolle zu bringen sei. "Wir müssen versuchen, mehrere Absicherungen zu haben", sagt Teamchef Rudi Völler, "und mit geballter Macht seinen Aktionsradius einzuengen."

So ähnlich hatte sich das auch vor zwei Monaten angehört, als der deutsche Gegner England hieß, beziehungsweise Michael Owen. Allerdings hat der schöne Plan damals nicht gut funktioniert. Michael Owen erzielte drei der fünf Treffer für die Engländer.

Ähnliches darf heute nicht passieren, wenn die Nationalmannschaft die größte Schmach der DFB-Geschichte vermeiden will. Seit 1954 haben die Deutschen - jedenfalls die im Westen - an jeder Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen. Gefehlt haben sie nur zweimal: bei der Premiere 1930, als die Europäer generell wenig Lust hatten, sich über den Atlantik nach Uruguay schippern zu lassen, und 1950. Damals, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, waren die Deutschen als Teilnehmer nicht erwünscht.

Die Situation ist also knifflig, weit kniffliger als vor einem Monat. In ihrem letzten Gruppenspiel gegen die Finnen hätte die Nationalelf nur ein Tor schießen müssen. Ein einziges Tor. Dann hätte sie sich die Reise in die Ukraine sparen können. Aber was nützen solche Überlegungen noch? "Unter hohem Druck kann man auch Topleistungen abrufen", sagt Oliver Kahn. Das ist beruhigend. Denn unter niedrigem Druck wie in den Spielen gegen England und Finnland ist es den Spielern nicht gelungen. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, hat schon Hölderlin behauptet. Nach genau diesem Prinzip macht sich die Nationalelf jetzt Mut. Kahn sieht für die Mannschaft "eine Riesenmöglichkeit, dass sie durch diese Situation auch gewinnen kann". Im schlimmsten Fall an Erfahrung, im besten an Kaltschnäuzigkeit, Selbstvertrauen und an jenem Mumm, der ihr zuletzt abgesprochen wurde. In der Not, so hat Kahn festgestellt, "entwickelt man meist besondere Kräfte, von denen der einzelne Spieler gar nicht weiß, dass er sie hat".

Kahn spricht aus Erfahrung. Druck hat er bei Bayern München oft. Einen wie ihn beflügelt das eher, als dass es ihn hemmt. Aber was ist mit Michael Ballack, Carsten Ramelow und Jens Nowotny, die bei Bayer Leverkusen im Moment von Erfolg zu Erfolg eilen, in der Nationalmannschaft allerdings häufig den Eindruck erweckt haben, als hätten sie ihre weit weniger begabten Zwillingsbrüder vorbeigeschickt? Kahn findet, die Deutschen neigten "zu Hysterie und zur Panikmache". Er selbst ist überzeugt, dass die Mannschaft die Qualifikation noch schafft. Von flammenden Reden, wie sie DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder angekündigt hat, hält Kahn daher nicht viel. Jedes Wort sei schon zu viel, die Situation spreche für sich. Kahn sagt: "Es ist angesagt, jetzt ein bisschen Lockerheit beizubehalten und nicht zu verkrampfen." Dann guckt er wieder grimmig.

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