Sport : Das Leiden nimmt seinen Lauf

Jan Ullrich passt auch beim WM-Straßenrennen

Hartmut Scherzer

Bardolino - Fünf vor zwölf verschickte t-mobile-team.com eine SMS: „Absage: Ullrich muss auch auf WM-Straßenrennen verzichten. Teamarzt Schmid: „Viraler Magen-Darm-Infekt, sehr hartnäckig.“ Der Verzicht für Verona überraschte nun niemanden mehr, nachdem Jan Ullrich bereits für das Zeitfahren der Radweltmeisterschaften in Bardolino wegen Krankheit abgesagt hatte.

Am Gardasee wollte sich der 30-jährige Wahlschweizer für sein schlechtes Abschneiden bei den Olympischen Spielen in Athen (19. im Straßenrennen, 7. im Zeitfahren) rehabilitieren. Der Olympiasieger von Sydney hatte sich in den italienischen Herbstrennen in der vergangenen Woche gezielt vorbereitet, war Dritter beim Giro del Lazio geworden und hatte die Coppa Sabatini sogar gewonnen. Das gab Hoffnung. „Ich bin bereit für die WM“, verkündete der „Versager“ (Bild-Zeitung) von Athen optimistisch. Dann erwischte ihn wieder ein Virus. Die Saison bleibt verpfuscht.

Wie ein roter Faden ziehen sich Krankheiten und Absagen durch die Saison, die nach seiner Rückkehr in sein altes Bonner Team doch so glanzvoll werden sollte. 2004 ist nun bis auf das „Seuchenjahr“ 2002, als er wegen Knieverletzung und Dopingsperre keine Rennen bestritt, das schlechteste seiner Karriere – trotz des Triumphes bei der Tour de Suisse. Nach einem Sieg und fünf zweiten Plätzen wurde Ullrich nur Vierter bei der Tour de France. Insgesamt kam der Tour-Sieger von 1997 mit vielen Unterbrechungen 2004 gerademal auf drei Wettkampfmonate, und das bei einem Jahressalär von geschätzten 2,5 Millionen Euro.

Die Malaise begann schon im Januar im Trainingslager auf Mallorca, wo Ullrich krank und verspätet anreiste. Mitte April nahm er sich eine Auszeit wegen Formschwäche, sagte alle Rennen bis zur Deutschland-Tour im Juni ab. Der Sieg in der Schweiz gab Hoffnung. Eine Bronchitis in der ersten Woche der Tour de France machte Ullrich für seinen Einbruch in den Pyrenäen und sein schlechtes Abschneiden verantwortlich. In Athen musste er sich dann die bisher bittersten Vorwürfe machen lassen.

Die verpatzte Saison ist zu Ende, die neue wird geplant. Ullrich und sein persönlicher Berater Rudy Pevenage werden die Saisonplanung 2005 festlegen, mit dem alljährlichen Ziel: „Tour-Sieg“, wie Pevenage sagt. Alle Jahre wieder das gleiche Versprechen: Alles soll anders und besser werden. Im Oktober macht Jan Ullrich Familienurlaub, im November soll er mit leichtem Training beginnen, im Dezember eventuell in Südafrika trainieren. Im Januar droht zu Hause dann wieder Erkältung. Denn Jan Ullrich ist nun einmal, wie die „Gazzetta dello Sport“ trefflich formulierte, der „zerbrechliche Kaiser“.

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