Sport : Das negative Nichts

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Robert Ide über

die Zahlenlehre eines 0:0

Fußball ist ein Spiel, in dem es um Emotionen geht. Und um Zahlen. Der Erfolg einer Mannschaft bemisst sich an der Anzahl der geschossenen Tore, im Verhältnis zu denTreffern des Gegners. Das alles lässt sich hochrechnen zu Tabellen, Statistiken, Saisonbilanzen. Die mathematischen Koordinaten einer Mannschaft werden von den Fans bejubelt oder betrauert. Was aber tut das zahlende Publikum, wenn am Ende eines Spiels ein 0:0 an der Anzeigetafel steht?

Eine Null ist nichts. Doch sie löst große Gefühle aus. Blenden wir uns einmal ein in die Reportagen einiger Hobbykommentatoren, die am Dienstagabend in einem Berliner Café das Spiel von Bayern München bei Celtic Glasgow kommentierten. „Willkommen beim Festival der guten Laune und des gepflegten Fehlpasses“, rief ein Reporter begeistert. Ein anderer jubelte: „Endlich passt sich der Schiedsrichter dem Spiel an. Er pfeift Freistoß für Nichts.“ Oder: „Bravo! Für diesen Schuss gibt es beim Rugby drei Punkte.“ Größer kann Begeisterung nicht sein für einen Champions-League-Abend, der nicht mehr hergeben sollte als zwei Nullen.

Keine Tore lösen Emotionen aus. Aber können keine Tore die andere Seite des Fußballs bedienen: die Mathematik? Ja. Auch in einem 0:0 stecken Zahlen – Zahlen, die alles verraten. Blenden wir uns mal ein in die „Premiere“-Datenbank und schauen, was dieses Spiel der guten Laune gebracht hat. Etwa in der Rubrik „erfolgreiche Pässe“. Hier lautet die Bilanz der Münchner: 78,2 Prozent der Zuspiele kamen an. Der Rest ging zum Gegner oder trudelte ins Aus. Fachleute nennen diese Quote (bei Glasgow lag sie mit 76,6 Prozent noch niedriger) eine Tragödie. Weil jeder geglückte Pass über wenige Meter positiv gewertet wird, sind 85 bis 90 Prozent die Norm. Erst recht in der Champions League. Und wie reagieren Fans, wenn sie die Quote der Bayern in der Rubrik „erfolgreiche lange Pässe“ sehen? Die lautet: 32 Prozent.

Zahlen entfachen Emotionen, besonders im Fußball. Zwei Nullen sind nicht nichts. Sie können mehr sein – oder weniger. Beim 0:0 von Glasgow, einem der schlechtesten Spiele der Champions-League-Geschichte, waren alle Zahlen negativ. Alle Emotionen auch. Das Schlusswort bitte, lieber Hobbyreporter: „Das Spiel endet 0:0. Aber eigentlich müsste es minus eins zu minus eins stehen.“

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