Sport : Das Problem mit Thunder und der Liga

Ingo Wolff

Berlin - Rick Lantz hat sich an der Seitenlinie nur selten nicht im Griff. Selbst wenn es spannend wird, steht der kleine Cheftrainer von Berlin Thunder souverän zwischen seinen Spielern. Das liegt an seiner militärischen Prägung. Der US-Marine ist schon mit dem Team der Militärakademie fertig geworden, da ist die europäische Footballliga mit ihren Nachwuchsleuten für ihn eher so etwas wie ein Ferienlager.

Ernst nimmt Lantz die Liga aber selbst dann, wenn es um nichts mehr geht. Und das ist in diesem Jahr bereits vor dem siebenten Spieltag der Fall. Denn das Rennen um den Einzug ins Finale am 27. Mai in Düsseldorf ist praktisch schon entschieden. Thunder hat als Vierter ebenso wie der Tabellenletzte Hamburg Sea Devils und die Vorletzten Cologne Centurions keine Chance mehr auf den World Bowl. Das heutige Spiel zwischen Thunder und den Sea Devils im Olympiastadion (16 Uhr) ist just for fun.

Hamburg hat nur einen einzigen Punkt, und den haben sie mit einem Unentschieden im Hinspiel gegen Thunder erreicht. Da aber in der Sechserliga auch niemand absteigen kann, können sich Hamburg und Berlin aufs Schönspielen konzentrieren. Das, was die Ligaverantwortlichen am liebsten immer in der Vordergrund stellen würden, hat diesmal eine herausragende Stellung. Es geht nicht nur um den Sport, die National Football League möchte ihren Sport als große Freizeitunterhaltung in die Welt bringen, der Funfaktor ist mehr als nur ein Randaspekt. Ob das bei den europäischen Zuschauern so auch ankommt, wird sich in dieser Saison außergewöhnlich stark zeigen.

Denn auch an der Ligaspitze ist es nur noch mäßig spannend. Amsterdam ist als Erster praktisch im World Bowl. Amsterdam unterlag gestern den Cologne Centurions 13:20, aber nur wenn die Admirals auch die letzten beiden Spielen verlieren sollten, können Frankfurt Galaxy und Rhein Fire Düsseldorf noch vorbeiziehen. Das Verfolgerduell gewann Frankfurt gestern 16:14. Würden die Frankfurter und Düsseldorfer am Ende der Saison punktgleich sein, hätten die Rheinländer den direkten Vergleich gewonnen, da sie im Hinspiel 10:6 gesiegt hatten.

Die Liga leidet unter ihrer Struktur. Immerhin geben sich die Ligaverantwortlichen derzeit sehr aufgeschlossen für die Missstände. In Umfragen unter Fachleuten und Zuschauern werden Verbesserungen ermittelt. Häufigster Punkt ist die Aufstockung auf acht Teams und eine Aufteilung in zwei Divisionen. Mit zwei Vierergruppen, deren Erstplatzierte in Play-offs die Finalteilnehmer ermitteln, würde die Liga länger spannend bleiben.

Als am schwerwiegendsten wird aber die fehlende Identifikation empfunden. Nahezu alle Spieler kommen maximal für ein Vierteljahr aus den USA nach Europa und kehren danach nie wieder zurück. Selbst Fans haben Schwierigkeiten, die Namen zu behalten. Würden mehr Europäer langfristig ausgebildet und auch amerikanische Spieler für mehrere Jahre in die NFL Europe geschickt, würde sich die Akzeptanz nicht nur bei den echten Footballfans, die die Liga als Kinderliga bezeichnen, sondern auch bei den Spielern vergrößern.

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