Sport : Das Risiko fährt mit

Trotz des Todessturzes plant der Bobsport keine Reformen

Hartmut Moheit

Berlin. Langsam fließt das Wasser die Kunsteisbahn am Königssee hinunter. Die Kühlaggregate sind abgestellt, die Saison ist planmäßig beendet worden. Am Freitag war der letzte Tag der Eissaison, doch alle im Berchtesgadener Land wünschen sich inzwischen, das Ganze wäre einen Tag früher zu Ende gewesen. Den tödlichen Unfall der Bobfahrerin Yvonne Cernota, die am Freitag gegen 10.30 Uhr nach einem schlimmen Fahrfehler in der Zielkurve verunglückt war, hätte es dann nicht mehr gegeben.

„Wir sind alle ratlos. Ich habe für diese Tragödie keine Erklärung“, sagt Cheftrainer Raimund Bethge zwei Tage danach. „Wir wissen jetzt nicht, was wird. Bis die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen abgeschlossen hat, tun wir nichts. Im Moment bin ich einfach nur traurig.“ Die Staatsanwaltschaft hat ein Video sichergestellt, das Frauen-Bundestrainer Wolfgang Hoppe direkt an der Unfallstelle am Ausgang der so genannten Echowand gefilmt hatte. Der Bobverband will nach Bethges Auskunft zu Wochenbeginn darüber entscheiden, in welcher Form er das Andenken der Nationalmannschafts-Sportlerin ehrt.

Alle Beteiligten gehen mittlerweile davon aus, dass die 24-Jährige, die im Rahmen einer Bob-Schule erst ihre dritte Fahrt an den Lenkseilen bestritt und deswegen auch nicht von ganz oben gestartet war, zu niedrig in die Kurve gefahren war. Schon beim ersten Versuch war sie gestürzt. Als dann im dritten Versuch die Fliehkräfte wirkten, wurde der Bob plötzlich nach oben gedrückt, wo er mit Gewalt gegen die oberere Kurvenbegrenzung stieß und schließlich steil nach unten an die Bande schoss. Der zerbrochene Bob wurde aus der Bahn geschleudert – Yvonne Cernota erlitt schwerste Kopfverletzungen. Trotz eines Helms, trotz einer Bahn, die international als nicht schwierig eingestuft wird und trotz vieler Investitionen in die Sicherheit. „Gerade im Auslaufbereich wurden die Bobbahnen immer wieder an die höheren Geschwindigkeiten angepasst“, sagt Raimund Bethge, der aber gleichermaßen bestätigt, dass „ein Restrisiko in dieser Rennsportart jedem bekannt ist“.

Yvonne Cernota ist das 42. Todesopfer im Bobsport seit der Aufnahme ins olympische Programm 1924. Stürze im Training und im Wettkampf gingen in den zurückliegenden Jahren fast immer glimpflich aus. Die von den Bobsportlern als „Formel 1 des Winters“ bezeichnete Sportart war deshalb zunehmend als relativ ungefährlich eingestuft worden. „In der Formel 1 sitzen die Piloten in einer so genannten Überlebenszelle aus Kohlefaser, in der auch der Kopf sehr gut geschützt ist. Das lässt sich aber für den Bobsport nicht übertragen“, beschreibt Bethge einen gravierenden Unterschied. Schließlich muss ein Bob erst angeschoben werden, dann springen die Aktiven in das Gefährt, und letztlich ist im Ziel wieder ein schnelles Aussteigen wichtig. Die Körper werden deshalb auch weiterhin relativ ungeschützt bleiben. Für die Routiniers ist das kein Problem. Wenn der Bob kippt, dann verkriechen sie sich darin. Aber wann passiert das schon mal? Sie kennen ihre Fahrlinien – die sicheren und risikoreichen. „Anfänger, die sich von den verschiedenen Starthöhen aus erst einmal herantasten müssen, können davon nichts übernehmen“, sagt Bethge. „Sie haben eine geringere Geschwindigkeit zu bewältigen, fahren deshalb eine andere Linie.“

Yvonne Cernota, die eigentlich Anschieberin auf dem Bob von Cathleen Martini war, wollte sich eigentlich nur an den Lenkseilen testen. Schließlich waren alle davon überzeugt, dass in Königssee nichts passieren könne. „Zuvor schrieb sie mir noch eine SMS, dass sie mir ihre Schrammen von den Testfahrten zeigen wolle“, erzählte ihre Freundin Cathleen Martini.

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