Sport : Das Sepp-Blatter-Experiment

Ein frei erfundenes Wettmärchen, das jeden Verdacht bestätigt

Wolfram Eilenberger

Angenommen, der Präsident des Weltfußballverbandes, Sepp Blatter, tritt morgen überraschend vor die Weltpresse und verkündet, während seiner Amtszeit seien Tausende von Partien manipuliert worden. Er, Blatter, stehe höchstpersönlich einem kriminellen Geheimbund vor, der den Fußball zu eigenen Wettzwecken missbraucht. Eingebunden in das global agierende System seien Funktionäre, Schiedsrichter, Trainer und Spieler, pro Team mindestens drei. Darauf grinst Blatter diabolisch und sagt: „Namen nenne ich keine. Die müsst ihr selbst herausfinden.“ Spricht’s, nimmt den nächsten Flieger und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Diese Vorstellung ist nicht lustig und, wie sich herausstellt, auch nicht wahr. Die Fifa dementiert sofort, eidesstattlich und eindrucksvoll, Blatter habe schon länger unter schweren Wahnvorstellungen gelitten. Dokumente, die Blatters These stützten, sind unauffindbar. Es gibt keinerlei externe Beweise. Was von der Posse bleibt, ist ein tragisch verwirrter Spitzenfunktionär und die absurde Möglichkeit, seine letzten Worte könnten wahr gewesen sein.

Nun werden überall auf der Welt Videokassetten hervorgeholt. Viele wollen es schon immer gewusst haben. Klaus Toppmöller und Jimmy Hartwig setzen sich an die Spitze der deutschen Verschwörungstheoretiker. Der Amerikaner Michael Moore plant einen Film (Golden Balls). Die Zuschauerzahlen sinken drastisch. Es gibt einfach zu viele Merkwürdigkeiten. Die WM 2006 ist gefährdet.

Wie ist der Verschwörungstheorie beizukommen? Nur mit streng wissenschaftlichen Mitteln. Der Bundeskanzler setzt einen interdisziplinären „Fußballrat“ ein, bestehend aus Sportwissenschaftlern, Psychologen, Physikern, Wissenschaftstheoretikern und Günter Netzer. Sogar Chelseas Coach José Mourinho kann gewonnen werden.

Das Spitzenteam soll ein theoretisches Modell entwickeln, mit dem der Verlauf eines Fußballspiels im Nachhinein erklärt werden kann. Dieses Modell soll insbesondere ermöglichen, Manipulationen spielintern eindeutig zu erkennen. Die Runde schweigt. Kein Professor will mit so etwas seinen Ruf gefährden. José Mourinho wagt einen Anfang, worauf ihn der Wissenschaftstheoretiker über die Eigenheiten von kontrafaktischen Konditionalen aufklärt und eine mögliche „Mögliche-Welt-Semantik“ skizziert. Günter Netzer gibt zu, kein Wort zu verstehen. Der Physiker sagt, selbst Fußball sei letztlich nur Physik. Die Sportwissenschaftlerin legt erste Studien vor, nach denen pro Partie von etwa 180 potenziell spielentscheidenden Situationen auszugehen sei. Der Strafrechtler wünscht frohes Schaffen. Schweigen.

Nun regt der Psychologe theorievorbereitend die bundesweite Durchführung eines Sepp-Blatter-Tests an. Repräsentativ ausgewählten Fußballfreunden sollen jeweils 30 Bundesliga-Partien mit der Vorgabe gezeigt werden, es handle sich dabei um gekaufte Spiele. Die Probanden sollen dann unter den Akteuren pro Mannschaft drei Manipulateure bestimmen und auch den Schiedsrichter einer „gekauft/nicht gekauft Bewertung“ unterziehen.

Zwei Monate später liegen die Ergebnisse vor: „Wie erwartbar, kam es zu klaren Schuldzuweisungsschwerpunkten im Bereich ,Torwart und zentrale Abwehr‘, insgesamt aber ergibt sich, dass pro Spiel jeder beteiligte Feldakteur von mehr als drei Probanden beschuldigt wurde, wobei die Kategorie ,absurder Fehlpass‘ der häufigst genannte Verdächtigungsgrund war. Nur zwei der 500 Probanden äußerten Zweifel, dass die im Test gezeigten Spiele tatsächlich manipuliert wurden. Schiedsrichter wurden zu 83 Prozent als ,gekauft‘ bewertet.“

„Herrschaften“, schließt der Psychologe, „das Spiel scheint wie geschaffen, Verschwörungstheorien zu nähren.“ Der Soziologe notiert sich das.

Auf Anordnung des Innenministers werden die Untersuchungsergebnisse unter Verschluss gehalten. Es fällt auf den Kulturphilosophen, den internen Abschlussbericht zu verfassen. Ich darf abermals zitieren: „Aus wissenschaftlicher Sicht liegt die Vermutung nahe, die besonders ausgeprägte – theoretisch nur schwer einholbare – Manipulationsanfälligkeit des Fußballspiels stelle einen Hauptgrund für seine kulturübergreifende Attraktivität dar. Träfe dies zu, zöge jeder Versuch, einem gesamtgesellschaftlich aufgetretenen Manipulationsverdacht auf spielinterner Ebene wirksam entgegenzutreten, notwendig eine Minderung der Anziehungskraft des Spiels selbst nach sich.“

„Und was folgt daraus jetzt für uns?“, will DFB-Präsident Theo Zwanziger ganz praktisch wissen. „Theo, sieht so aus, als wär’s das bis auf weiteres gewesen“, erwidert der zweite Präsident. „Wirklich schade, wo es gerade so gut lief.“

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