Sport : Das Spiel mit dem Leben

Als Silvano Beltrametti im Januar 2000 in Wengen bei der Lauberhorn-Abfahrt stürzte und sich den Halswirbel stauchte, raste er nach einem halben Jahr wieder ins Tal. Seit Sonnabend ist klar, dass der Schweizer Skirennfahrer nie mehr auf Skier stehen wird. Beltrametti ist nach einem schrecklichen Sturz querschnittsgelähmt. Das ist die traurige Version. Die zynische geht so: Er hat es immerhin überlebt. Die Französin Régine Cavagnoud ist, vor sieben Wochen, bei ihrem Sturz gestorben. Noch zynischer klingt das: Es werden noch weitere Opfer folgen. Denn die ganzen Trauerreden, die ganzen Analysen von zu gefährlichem Material, haben auch etwas von Heuchelei.

Abfahrtsrennen waren schon immer ein Spiel mit dem Leben. Diese Gefahr ist fester Bestandteil des Spektakels. Das Risiko ist der Reiz für Medien und Zuschauer. Die Fahrer haben diese Regeln akzeptiert. Verhängnisvoll wird es nun, weil diese Regeln immer noch ausgeweitet werden. Die neuen Carving-Ski sind - regelkonform - so schnell, dass die Abfahrts-Kurse neu gesteckt werden müssen. In Wengen, vor dem Hundsschopftor, müssen die Fahrer jetzt 100 m mehr zurücklegen. Sonst würden sie beim anschließenden Sprung lebensgefährlich auf einem Flachstück landen. Der geringste Fahrfehler kann nun zu einem verheerenden Sturz führen. Doch Tempo rauszunehmen, kostet Platzierungen, Sponsoren, Siegprämien, die Mitgliedschaft im Kader.

Vor allem aber diktiert jetzt das Fernsehen die Regeln. Der letzte Fahrer hätte noch gute Sicht, wenn Rennen um elf Uhr früh beginnen würden. Doch das Fernsehen besteht auf einem späteren Termin, mit der aparten Folge, dass Fahrer aus hinteren Gruppen bei einsetzender Dämmerung mit 130 km/h zu Tal rasen.

Und wenn dann einer wie Beltrametti gelähmt liegen bleibt, weil seine extrem scharfen Kanten die so genannten sicheren Fangnetze durchschnitten haben wie ein Messer die Butter, dann sind alle betroffen. Die Leute vom Fernsehen, die diese schrecklichen Bilder übertragen. Und die Zuschauer, die sie sehen wollen. Ihre Trauer ist ehrlich, keine Frage. Und dass sie durch ihre Begehrlichkeiten solche Stürze mit provozieren, dieser Gedanke wirkt natürlich in solchen Momenten geschmacklos. Leider aber ist dieser Gedanke auch wahr.

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