Sport : „Das wäre größenwahnsinnig“

Volleyballer Andrae über den Erfolg bei der WM und den Gedanken an Medaillen

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Herr Andrae, sind Sie von den vier Vorrundensiegen bei der WM selbst überrascht?

Sicherlich. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir sind ja in dieses Turnier als Frischlinge gegangen und haben uns im ersten Spiel gegen Australien schwergetan. Da waren wir richtig nervös. Doch dann hat man gemerkt, wie die Steine vom Herzen gefallen sind und es von Spiel zu Spiel besser wurde. Gegen Griechenland und Frankreich haben wir uns in einen Rausch gespielt.

Der war beim 0:3 gegen Olympiasieger Brasilien zum Vorrunden-Abschluss aber recht schnell vorbei?

Also, im ersten Satz haben wir richtig Prügel kassiert. So viele Asse, das war schon hart. Aber danach lief es besser. Man muss allerdings auch sagen, dass sich die Brasilianer auf uns akribisch vorbereitet hatten. Daran sieht man, dass wir nicht mehr der große Außenseiter sind, von dem alle sagen, über die rollen wir mal locker weg. Diesen Respekt haben wir uns erarbeitet.

Ihr Trainer Stelian Moculescu hat im Zusammenhang mit den deutschen Volleyballern immer vom Urknall gesprochen. Findet die Explosion gerade statt?

Wir spielen schon das ganze letzte Jahr erfolgreich. Wir haben die Qualifikation zur WM und zur EM geschafft und wissen, dass wir bei den großen Dingern jetzt immer dabei sind. Daran kannst du dich gut hochziehen und wachsen. Für mich war es schon ein Urknall, dass wir überhaupt zur WM fahren durften.

Das klingt bescheiden.

So ist es auch gemeint. Was hier bis jetzt passiert ist, davon haben wir vielleicht geträumt, aber es hätte sich doch keiner getraut, so etwas zu formulieren.

Das ist die Schule des Bundestrainers, der richtig wütend wird, wenn jemand von Medaillen spricht.

Das muss uns der Trainer nicht eintrichtern. Man muss doch nur mal schauen, wie die letzten Jahre gelaufen sind. Wir sind bei vielen Qualifikationen gut gestartet und haben sie nicht geschafft. Wenn wir jetzt als deutsches Team, das in der Weltrangliste zu den Letzten gehört, von Medaillen reden würden, wäre das doch größenwahnsinnig.

Wie wird es in der Zwischenrunde gegen Italien, Bulgarien, Tschechien und die USA werden?

Schwer. Wir haben ja gesehen, was passiert, wenn Teams wie die Brasilianer mal richtig aufdrehen. Und die Mannschaften, auf die wir jetzt treffen, sind ähnliche Kaliber. Die haben jahrelange Erfahrung auf diesem Niveau. Da können wir noch nicht mithalten. Wenn wir da von Siegen ausgehen, können wir ganz schnell in ein Loch gezogen werden. Auf der anderen Seite gehen wir mit einem Polster von vier Punkten in diese Runde.

Als Stelian Moculescus Job nach der verpassten EM-Qualifikation 2005 am seidenen Faden hing, hat die Mannschaft ihn mit einem Brief an den Verband gerettet. Hat das daraus entstandene enge Verhältnis zum Erfolg beigetragen?

Das macht sicherlich viel aus. Gerade ich persönlich habe eine tiefe Bindung zu ihm. Er hat mich von Berlin nach Friedrichshafen geholt und mir den Weg geebnet, dass ich heute in der Nationalmannschaft und als Profi in Italien spielen kann. Er hat immer an mich und an das Team geglaubt. Wir vertrauen ihm, und die Sache mit dem Brief kam von Herzen. Wir wussten, dass wir mit ihm auf dem richtigen Weg sind. Das zeigt sich jetzt.

– Das Gespräch führte Felix Meininghaus.

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