• DAS WM-GEFÜHL nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft: Komm, schweig mit mir

DAS WM-GEFÜHL nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft : Komm, schweig mit mir

Am ehesten gerecht würde man der derzeitigen Gemütslage, ließe man diesen Kasten einfach leer.

Das emotionale Vakuum ist allumfassend. Der Nachbar grüßt nicht, das Telefon bleibt still, Sie haben keine neuen Nachrichten. Auch wir wären heute Morgen am liebsten einfach liegen geblieben, solange, bis das alles wieder nur der schlechte Traum wäre, den wir in der Nacht vor dem Halbfinale träumten.

Stattdessen brausen wir doch durch die missmutige Stadt, blicken in tausend aschfahle Gesichter, es wird nicht mal gehupt oder gezetert, die Leute eilen stumm wie Fische ihrer Wege. Wir ducken uns aufs

Moped, schnell weg. Doch wohin? Selbst unter den Kollegen nicht mal Galgenhumor, einer wünscht einen „schlechten Morgen“, der andere sagt „Komm, schweig mit mir“.

Dieser unendliche Leerraum, der zu füllen ist. Diese unerträgliche Stille, eine Stille wie in den Sekunden nach dem Aufprall des Boxers auf dem Ringboden.

Wie ein Herausforderer, der den Champion rundenlang vorführt, klar nach Punkten vorne liegt und sich dann den einen entscheidenden Niederschlag einfängt, so spielten die Deutschen die Weltmeisterschaft in Südafrika. „Lucky punch“ nennt man das im Kampfsport, und da endet diese hübsche Parallele auch schon wieder. Denn glücklich war der spanische Sieg keineswegs.

Was alles nur noch schlimmer macht.

Genau so deutlich wie wir England und Argentinien aus dem Turnier geboxt haben, wurden wir von den Spaniern ausgetänzelt. War

vielleicht der Aufstieg vom Bantam- ins Superschwergewicht in

wenigen Wochen doch ein bisschen viel? Wir wollten es nicht glauben, wir hatten schließlich alle Rocky-Teile gesehen und wissen seitdem, was ein ordentliches Trainingslager so alles vermag. Doch ebenso wie ein K.o. in einem Moment die Entourage des Kämpfers bis ins Mark

erschüttert, ereilte uns, die wir in der schwarz-rot-goldenen Ecke

mitfieberten, die Ernüchterung der 90 Minuten von Durban. Eben weil uns die elf Schwarzweißen am fernen Kap dieses WM-Erlebnis vorher so unfasslich schön, so unwirklich leicht haben vorkommen lassen, weil sie tanzten wie Ali und zuschlugen wie Foreman, tragen wir nun umso schwerer an diesem gigantischen Ballast der Leere.

Wer hätte sich dagegen lange gegrämt, hätten die unerfahrenen

Haudraufs gegen England oder gar schon gegen Ghana den Handtuchwurf provoziert? Es wäre der Ausfall Ballacks, die Unerfahrenheit der Mannschaft, das Pech gegen Serbien gewesen, das die Leere gefüllt hätte. Das Hadern und Lamentieren, das den Kern des wirklichen

Fanseins ausmacht. Doch jene vermaledeiten, rauschhaften Kantersiege gegen die beiden Ex-Champions haben den Fall auf die Bretter der Wirklichkeit erst so tief, den Aufprall erst so hart gemacht.

Es wird leer bleiben. Eine ganze Weile.Johannes Ehrmann

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