DDR-Doping : Verantwortung verkannt

Der Deutsche Skiverband veröffentlichte die Ergebnisse der brisanten Untersuchungskommision "DDR-Doping": Wilfried Bock muss gehen, Frank Ullrich darf bleiben. Sporthistoriker Spitzer kritisiert die Entscheidungen.

Benedikt Voigt
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Wieder ans Fernglas. Frank Ullrich darf auch im kommenden Winter als Biathlon-Bundestrainer arbeiten. -Foto: ddp

BerlinIm Sommer liegt der Blick der Öffentlichkeit normalerweise nicht gerade auf dem Deutschen Skiverband (DSV). Selbst nationale Meistertitel im Mattenspringen oder Rollerski-Laufen finden jahreszeitenbedingt kaum Beachtung. War das vielleicht der Grund, warum der Deutsche Skiverband die Veröffentlichung der Ergebnisse der sportpolitisch brisanten Untersuchungskommission „DDR-Doping“ in den Sommer gelegt hat? Nein, sagt DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach, „die Arbeit der Kommission war einfach jetzt beendet“.

Der DSV folgt den Empfehlungen der von ihm selber eingesetzten Kommission und beendet das Arbeitsverhältnis mit dem sächsischen Stützpunktleiter Wilfried Bock. Er war als Verbandstrainer in der DDR aktiv in die Verabreichung von Dopingmitteln involviert, wie das Expertengremium festgestellt hat. Der von Zeugen belastete Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich hingegen bleibt, wie empfohlen, in seinem Job. Der Bundestrainer war vom ehemaligen Biathleten Jürgen Wirth beschuldigt worden, als Bocks damaliger Assistent Anabolika-Einnahme überwacht zu haben.

"unbewusster Verdrängungsmechanismus“

Ullrich behauptet, von Dopingpraktiken nichts gewusst zu haben. Was ihm die Kommission zwar nicht so richtig glauben mag. Sie erklärt sein angebliches Unwissen mit „einem unbewussten Verdrängungsmechanismus“. Aber sie stellt auch fest: „Frank Ullrich hat als DDR-Disziplintrainer ,Lauf’ im Biathlon zum einen nicht die Möglichkeit, aktiv zum Doping in der ehemaligen DDR beizusteuern und hat dies nach dem Erkenntnisstand der Kommission auch tatsächlich nicht getan.“ Ihm wird zugute gehalten, dass nach der Wiedervereinigung „niemals auch nur ansatzweise ernst zu nehmende Verdachtsmomente gegen ihn persönlich oder seinen Verantwortungsbereich zu Tage getreten sind“.

Der Sporthistoriker Giselher Spitzer zeigt sich enttäuscht. „Es verwundert, dass die Kommission die Ergebnisse der historischen und juristischen Aufarbeitung des DDR-Dopings nicht zur Kenntnis nimmt“, sagt der wissenschaftliche Experte für DDR-Doping, „sie verkennt die Verantwortung der Trainer auch in der zweiten oder dritten Reihe.“ Damit falle sie weit hinter den aktuellen Forschungsstand zurück. Er weist auch daraufhin, dass die in der DDR im Biathlon verabreichten Anabolika-Mittel nicht für das Schießen hilfreich waren, sondern für das Laufen. Also genau für den Bereich, den Frank Ullrich zu verantworten hatte.

Dissonanzen in der Kommision

Der Sporthistoriker zeigt sich verwundert, dass die Kommission für Frank Ullrichs Arbeitgeber, der Bundeswehr, eine Verhaltensempfehlung ausspricht. Sie sehe für arbeits- oder dienstrechtliche Konsequenzen keine Veranlassung, schreibt sie. Spitzer hingegen sagt: „Der Bundeswehr ist dringend anzuraten, dass sie in diesem Fall disziplinarische Untersuchungen einleitet, da sich wie von der Kommission angedeutet sportethische und sportpolitische Fragen ergeben.“ Zumal sie als Träger von Hochleistungssport bisher vorbildlich in der Auseinandersetzung mit Doping- oder Stasiverstrickungen gewesen sei. Da in Heiko Striegel auch ein Mitglied des Arbeitskreises Recht der Nationalen Anti-Doping-Kommission (Nada) in der Kommission saß, sei auch ein eventuelles Abstimmungsergebnis interessant, sagt Spitzer. „Ich habe von keinen Dissonanzen in der Kommission gehört“, erklärte DSV-Sprecher Schwarzbach.

Der DSV hat den Bericht in einer Pressemitteilung zusammengefasst. „Das war jetzt ein wichtiger Schritt“, sagt Schwarzbach. Der 22-seitige Bericht geht an den Deutschen Olympischen Sportbund, die Nationale Anti-Doping-Agentur und die beiden beschuldigten Trainer. Die Zeugen können ihn beim DSV einsehen. Weiter veröffentlicht werde der Bericht nicht. Trotzdem ahnt der Verband, dass dies noch nicht das letzte Wort gewesen sein dürfte. Denn bald kommt die olympische Wintersaison. Und mit ihm auch das verstärkte Interesse am Wintersport.

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