Deaflympics in Sofia : Eine Klasse für sich

Am Freitag sind die Deaflympics, die olympischen Spiele für Gehörlose eröffnet worden. Obwohl sie eine deutlich längere Tradition haben, stehen die Deaflympics im Schatten der Paralympics und müssen sogar um ihre Zukunft kämpfen.

von
Schon bei den Spielen 2009 in Taipeh wurde an der Eröffnung nicht gespart.
Schon bei den Spielen 2009 in Taipeh wurde an der Eröffnung nicht gespart.Foto: AFP

Wenn Leichtathlet Alexander Bley anderen erzählt, dass er sich für die Deaflympics qualifiziert hat, blickt er häufig in fragende Gesichter. „Die Paralympics kennt mittlerweile eigentlich jeder Mensch. Aber bei den Deaflympics, da heißt es immer nur: Was ist das?“ Dabei hatte der 22-Jährige bis vor drei Jahren selbst nicht gewusst, dass Menschen mit Hörminderung mit den Deaflympics (vom englischen Wort für taub – deaf) ihre eigenen Olympischen Spiele haben.

Bley, der von Geburt an gehörlos ist und nur dank moderner Implantate hören kann, stieß erst auf den Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGS), nachdem er beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) Deutscher Meister geworden war und an Kaderlehrgängen teilgenommen hatte. „Irgendwann sagte mir dort jemand, dass ich bei den Paralympics nicht starten dürfe. Dabei bereiteten sich alle anderen auf dieses Ziel vor. Als ich nachhakte, ob es keine Meisterschaften für Gehörlose gäbe, konnte mir keiner weiterhelfen“, erinnert er sich.

Obwohl die Deaflympics vom Internationalen Olympischen Komitee offiziell anerkannt wurden, nimmt sie kaum jemand wahr. Während die Paralympics immer bekannter werden, durch die bessere Vermarktung mehr Geld einnehmen und somit der ganze Sport professioneller wird, standen die Deaflympics sogar kurz vor dem Ende: Erst fielen die Winterspiele 2011 im slowakischen Vysoke Tatry aus, dann drohten auch die Sommerspiele 2013, der griechischen Finanzkrise zum Opfer zu fallen. Trotz der knappen Vorbereitungszeit entschied sich Bulgarien im Sommer vergangenen Jahres, die Spiele in Sofia auszurichten. Ein solches Durcheinander gäbe es nicht, wenn die Deaflympics wie die Paralympics am gleichen Ort wie Olympia stattfänden. Denn so wären zumindest die infrastrukturellen Bedingungen bereits erfüllt.

Im Rahmen der Paralympics in London hatte DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher sich gewünscht, dass auch die Gehörlosen bei den Paralympics starten dürften. Im gleichen Atemzug gab er aber zu, dass auch er nicht wisse, wie das umzusetzen sei. Bei den Paralympics in London waren knapp 4.500 Athleten am Start, in Sofia waren es bei der Eröffnungsfeier am Freitagabend knapp 4.000, darunter 131 deutsche Sportler. Eine Zusammenlegung wäre deshalb alleine schon aus logistischen und infrastrukturellen Gründen eine schier unlösbare Aufgabe.

Hinzu käme die Tatsache, dass noch mehr Wettbewerbe oder Klassen zusammengelegt werden müssten, als dies in London sowieso schon der Fall war. Das Ergebnis war zwar eine erhöhte mediale Attraktivität. Doch die Zuschauer durchblickten das Punktesystem oft nicht – etwa wenn eine Speerwerferin zehn Meter kürzer als ihre Konkurrentin warf, aber dennoch aufgrund ihrer stärkeren Einschränkung Gold gewann.

Die Gehörlosen müssen bei Wettkämpfen zwar ihre Hörhilfen ablegen, um sicherzustellen, dass niemand den Startschuss hört, keiner von außen angefeuert wird oder alle mit Gleichgewichtsproblemen zu kämpfen haben. Trotzdem müssten sie wohl weiterhin als eigene Klasse starten. Ihre Einschränkungen könnte man nämlich kaum mit denen der Amputierten, Gelähmten, Blinden oder geistig Behinderten gleichsetzen.

Selbst wenn es trotz der genannten Gründe möglich wäre, würden viele gehörlose Athleten eine Zusammenlegung ablehnen. Als Hauptgrund nennt der DGS die Kommunikationsbehinderung. Zwar erlernen die meisten Gehörlosen die Lautsprache, jedoch ist es für viele sehr anstrengend, mit Stimme zu sprechen, sodass sie es vorziehen, in der Gebärdensprache zu kommunizieren. Hinzu kommt der Stolz auf die Selbstständigkeit und die Historie: Die Gehörlosen-Weltspiele gibt es nämlich bereits seit 1924, die Paralympics erst seit 1960.

Alexander Bley nimmt die Geschichte beiläufig zur Kenntnis. Der Mittelstreckenläufer arbeitet ganztags, und soll bei den Deaflympics trotzdem eine Medaille holen, wenn es nach dem Verband geht. Seine Konkurrenten sind teilweise Profis. Im Gegensatz zu den deutschen Paralympioniken erhalten die Gehörlosensportler aber keine oder nur eine geringe Förderung. „So können wir auf Dauer nicht konkurrenzfähig sein“, sagt Bley. Eine Annäherung an den DBS ist dennoch nicht absehbar.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar