Sport : Dem Sand entkommen

Die deutschen Tennisspieler wollen in Wimbledon ihr Image korrigieren

Petra Philippsen

Wimbledon - Ruhig und ein wenig gemächlich geht es noch zu auf der altehrwürdigen Anlage an der Church Road. Die letzten Aufbauarbeiten sind im Gange, Zuschauer noch nicht zugelassen, und so können die Spieler ungestört auf separaten Plätzen ihrem Training nachgehen. Einige Deutsche sind auch darunter, und es ist ihnen anzusehen, wie froh sie sind, den leidigen Sandbelag gegen Rasen einzutauschen. Die schmählichen Schlagzeilen aus Paris hängen ihnen dennoch nach und haben sie nicht unberührt gelassen. „Debakel“, „Armutszeugnis“ oder „historischer Negativrekord“ waren die Überschriften, die ihre kollektiv schwache Leistung bei den French Open beschrieben und sie bei allem Frust über das eigene Versagen dennoch in Opposition trieben. „Wir sind nicht so schlecht, wie immer geschrieben wird“, echauffiert sich Philipp Kohlschreiber, „aber wir werden eben ständig an Boris Becker gemessen. Da ist vieles dann nie gut genug. Doch in Wimbledon wird es garantiert besser laufen als in Paris.“

Fast trotzig wirkt die Ansage – und wie ernst sie gemeint ist, zeigte Kohlschreiber in der Vorwoche mit seiner Finalteilnahme in Halle, bei der er Roger Federer unterlag. Auch Nicolas Kiefer überzeugte dort mit seinem Einzug ins Halbfinale, bei einigen seiner Landsleute war ebenfalls ein Formanstieg zu erkennen. „Man sieht es doch auch jetzt beim Fußball“, erklärt Kiefer, „da war nach der Niederlage gegen Kroatien auch plötzlich alles schlecht. Das ist in Deutschland eben so, da ist man selten zufrieden.“ Der 30-jährige Hannoveraner weiß seit Beginn seiner Karriere um dieses nationale Phänomen, ebenso wie Thomas Haas, auch wenn es nicht immer jeglicher Grundlage entbehrte. „Ich brenne immer noch“, betont Kiefer. „Ich will das Maximale herausholen. Aber beweisen muss ich höchstens mir etwas, sonst keinem. Und für Wimbledon bin ich gut gerüstet.“

Für die empfindsamen Individualisten ist es oft schwer, Negativschlagzeilen ganz zu ignorieren, anders als ihre Fußballerkollegen können sie niemandem die Schuld an einer Niederlage zuschieben. Doch auch wenn Benjamin Becker im DFB-Trikot trainiert, Kiefer im ständigen Kontakt mit seinen befreundeten Nationalspielern ist und die Übertragungen von der EM zum Pflichtprogramm gehören, spüren sie, dass ihnen dadurch in den letzten Wochen deutlich weniger Aufmerksamkeit zuteil wurde. Dass es ihre Eitelkeit verletzt, wollen sie nicht offen zugeben, anzumerken ist es so manchem aber dennoch. „Ich konzentriere mich nur auf mich“, wehrt Haas allerdings ab. So müssen Tennisspieler denken, wollen sie Erfolg haben, und zumindest würden die Schlagzeilen aus Wimbledon dann wieder einen positiveren Tenor bekommen. Petra Philippsen

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