Sport : Demütigend grandios

Deutsche Volleyballerinnen sichern sich mit einem 3:0-Sieg die Olympia-Teilnahme

Felix Meininghaus

Tränen, Jubelschreie, heftige Umarmungen, grenzenlose Glücksgefühle, das alles steckt hinter diesen nackten Zahlen: vier Sätze gegen Aserbaidschan, fünf gegen Polen, fünf weitere gegen Russland, fünf dramatische Sätze gegen den Weltmeister Italien und gestern drei Sätze gegen den Vize-Europameister Türkei. 3:0 (25:22, 25:16, 25:7) setzten sich die deutschen Volleyballerinnen im Finale der Olympia-Qualifikation in Baku (Aserbaidschan) durch. Und damit steht fest: Das deutsche Team darf bei den Olympischen Spielen in Athen antreten. Die Mannschaft des südkoreanischen Bundestrainers Hee Wan Lee hat in Baku Glanzleistungen geboten. Und schon nach dem hart erkämpften Erfolg gegen die viel stärker eingestuften Russinnen wünschte sich die Außenangreiferin Angelina Grün „einfach nur Schlaf. Zum Feiern sind wir viel zu schlapp“.

Doch gestern waren die deutschen Spielerinnen topfit. Von Beginn an agierte das Team um Zuspielerin Tanja Hart abgeklärt und siegte, ganz anders als in den vergangenen Begegnungen, vor 7500 Zuschauern in der ausverkauften Halle souverän. Stark im Aufschlag, zielstrebig im Angriff, entschlossen in der Feldabwehr, hervorragend im Block – an diesem Tag funktionierte alles bei den Deutschen. „Diese Leistung war unglaublich. Das konnte keiner erwarten“, sagte der Bundestrainer.

Spätestens nachdem Atika Bouagaa im zweiten Satz mit harten Sprungaufgaben neun Asse in Folge gelungen waren, hatten die meisten Beobachter keinen Zweifel mehr daran, dass die Deutschen sich das Olympia-Ticket sichern würden. Am Ende wurden die Türkinnen regelrecht gedemütigt. 18 Punkte Vorsprung in einem Satz, das ist im internationalen Volleyball überaus selten. Vor allem aber ist die Türkei Vize-Europameister, von dieser Mannschaft hatte man viel mehr erwartet. Und wer gegen so ein Team einen solch klaren Vorsprung herausarbeitet, der muss in dieser Partie entweder auf absolutem Weltniveau spielen oder gegen einen Gegner antreten, der einen völligen Blackout hat. In diesem Fall spielten die Deutschen auf höchstem Niveau.

Nachdem die an diesem Tag überragende 21-jährige Atika Bouagaa den Matchball verwandelt hatte, war die Freude im deutschen Team grenzenlos. Hinter den hüpfenden und kreischenden Spielerinnen schritt Hee Wan Lee gemessenen Schrittes auf das Parkett, um seine Spielerinnen in die Arme zu schließen. Und irgendein deutscher Betreuer hatte eine Flasche Sekt und Plastikbecher aufs Feld gebracht, damit die Siegerinnen noch auf dem Spielfeld standesgemäß feiern konnten. Spielführerin Angelina Grün verwies auf die „unglaubliche Moral, die wir bei diesem Turnier gezeigt haben. Wir sind immer wieder aufgestanden“. Dann sagte die Italien-Legionärin, die für Bergamo spielt: „Ich bin stolz, Kapitän dieser Mannschaft zu sein.“

Die deutschen Volleyballerinnen sind damit zum dritten Mal in Folge bei Olympischen Spielen. Schon 1996 und 2000 galt die Olympia-Teilnahme als Sensation, damals hatten sich die Deutschen noch beim traditionellen Turnier in Bremen den Auftritt bei den Spielen in Atlanta beziehungsweise in Sydney gesichert. Und natürlich profitiert auch der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) von diesem Triumph. Verbandspräsident Werner von Moltke hatte mal während des Turniers durchgerechnet und dann erklärt, dass der finanzielle Schaden 100 000 Euro betragen würde, sollte sowohl die Herren- als auch die Damenmannschaft die Olympia-Teilnahme verpassen.

Und zumindest die Damen haben ihr Ziel errreicht. Die Herren dagegen müssen, nicht unerwartet, zu Hause bleiben. Das schmerzt den DVV-Chef natürlich, andererseits konstatiert er aufatmend, „dass uns der Erfolg der Frauen enorm hilft“. Nun wird er sich ganz auf die Vorbereitungen der Frauen auf Athen konzentrieren. „Wir atmen jetzt erst einmal durch, und dann beginnen wir mit der Planung für die Olympischen Spielen“, sagt von Moltke. Er wird es jetzt etwas leichter haben, wenn er mit potenziellen Sponsoren spricht. Geld benötigt der Verband natürlich weiterhin. Denn der DVV-Chef will natürlich die Männer auf die Niveaustufe bringen, welche die Frauen durch ihren Triumph einnehmen.

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