Sport : Den Sieg ausgewechselt

Ohne Andreas Neuendorf fehlt Hertha auch der letzte Funken Kreativität

Michael Rosentritt

Berlin. Selten hat ein Fußballspieler weniger getan, um ein Tor zu erzielen, als Arne Friedrich. Genau genommen stand der Verteidiger von Hertha BSC einfach nur zur rechten Zeit am rechten Fleck. Andreas Neuendorf hatte einen Freistoß in den Strafraum des HSV gezirkelt. Dort fiel der Ball dem rumstehenden Friedrich auf den Kopf und von da ins Tor. Die 1:0-Führung hielt bis in die Nachspielzeit. Dann gelang den Hamburgern ein ebenfalls eher glücklich erzieltes Tor, weswegen Hertha weiterhin auf den ersten Sieg in der Bundesligasaison 2003/04 wartet.

Beide Szenen, die unfreiwillige Führung wie auch der Ausgleich durch einen abgefälschten Schuss, sind symptomatisch für die Situation, in der sich die Berliner seit Anfang August befinden. Hertha kann momentan kein Fußballspiel mehr siegreich gestalten. Das 1:1 gegen den HSV war das fünfte Unentschieden im siebenten Bundesligaspiel. „Hier gibt es niemanden, dem man einen Vorwurf machen kann“, sagt Neuendorf. Bis zu seiner Auswechslung nach gut einer Stunde war der Mittelfeldspieler der beste Mann auf dem Platz gewesen. „Wahrscheinlich werden die Leute jetzt sagen, dass wir uns zu doof angestellt haben, dass das Spiel für einige von uns zu schnell war oder zu lange gedauert hat.“

Der selbst ernannte Champions-League-Aspirant aus Berlin ist nicht mal mehr in der Lage, gegen einen spielerisch limitierten Gegner wie den HSV eine Führung über die Zeit zu retten. Ein peinliches Manko. Zum vierten Mal konnte Hertha einer Aufholjagd der zurückliegenden Mannschaft nicht standhalten. Gegen Bochum führte die Mannschaft von Huub Stevens gleich zweimal, am Ende hieß es 2:2. Gegen Hannover 96 reichte nicht mal eine 2:0-Führung, Hertha verlor mit 2:3. Gegen den HSV müssen sie bei Hertha noch von Glück sprechen, dass der Gegner vor dem Tor der Berliner pures Unvermögen zeigte. In den letzten 20 Spielminuten hatte der Gegner etliche hochkarätige Chancen ausgelassen. Hertha war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, die eigene Abwehr zu entlasten und halbwegs gefährliche Angriffe vorzutragen. „Wenn Zecke ausgewechselt werden muss, fehlt der Mannschaft seine Kreativität. Dann müssen die anderen Spieler die Bälle noch mehr behaupten. Das ist aber nicht gelungen“, sagte Trainer Stevens.

Andreas Neuendorf, der am ehesten das Fehlen des verletzten Spielmachers Marcelinho kompensieren kann, muss seit Wochen ärztlich behandelt werden. 90 Minuten hält der 28-Jährige nicht durch. Wenn er nicht mehr auf dem Platz steht, ist in Herthas Mittelfeld niemand mehr in der Lage, Gegenangriffe zu kreieren. Die Mannschaft hört praktisch auf, Fußball zu spielen. Sie zieht sich zurück und versucht, Schlimmeres zu verhindern. „Wenn du so unter Druck stehst wie wir, ist es schwer, ein 1:0 über die Zeit zu bringen. Dazu sind wir momentan nicht in der Lage“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Statt mit dem ersten Sieg einen Schritt aus der Krise zu gehen, hat Hertha bestenfalls einen Schritt zur Seite getan.

„Wenn wir aufgelaufen wären wie die Osterhasen, könnte man vielleicht von einem mentalen Problem sprechen“, sagt Andreas Neuendorf. „Die Einstellung war diesmal intakt.“ Nur reicht das schon lange nicht mehr, um Siege zu landen. Und ausgerechnet jetzt muss Hertha zum FC Bayern München. „Wir haben da nix zu verlieren“, sagt Neuendorf. „Wenn wir gegen Hamburg gewonnen hätten, hätten wir sagen können, okay, jetzt holen wir in München einen Punkt und schlagen danach zu Hause Leverkusen. So aber müssen wir schon bei den Bayern gewinnen.“

Ein rechte Ahnung, wie dieses Unterfangen gelingen soll, hat Neuendorf nicht. Eher eine vage. „Die sollen mal die Woche über schön auf ihre Wiesn gehen, dann holen wir uns Sonnabend die Punkte ab.“

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