Sport : Den Stammplatz halten

Christian Fiedler muss um seine Position als erster Torwart von Hertha BSC fürchten

Ingo Schmidt-Tychsen[Marbella]

Christian Fiedler hat zu Beginn seiner Karriere einen großen Fehler gemacht. „Ich habe damals angegeben, dass ich 1,80 Meter groß bin“, sagt der Torhüter des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Er hätte auch behaupten können, 1,84 Meter groß zu sein – das misst doch eh niemand nach. Kurz nach den Besprechungen vor einem Fußballspiel sei es ihm schon häufig etwas komisch vorgekommen. „Da steht an der Tafel, dass der gegnerische Torwart vier Zentimeter größer ist als ich. Dann laufe ich gemeinsam mit ihm aufs Spielfeld – und zwar genau auf Augenhöhe.“

Seine Ehrlichkeit verfolgt Fiedler bis heute. Immer wenn der Torwart eine schlechte Phase hat, wird an seine für Keeper geringe Körpergröße erinnert. In dieser Hinserie spielte der 31-Jährige nicht so überzeugend wie in der Vorsaison. Nach dem guten Start mit Hertha, bei dem Fiedler in der Euphorie um die Tabellenführung als wichtiger Faktor galt, passierten ihm unter anderem Fehler gegen Odense im Uefa-Cup und gegen Leverkusen in der Bundesliga. Ganz zufrieden sind die Verantwortlichen des Vereins deshalb mit der Hinrunde ihres Torhüters nicht. „Wir wissen, dass er mehr kann“, sagt Manager Dieter Hoeneß.

Zu Beginn des Trainingslagers hat er sich mit Fiedler zusammen gesetzt und ihm versichert, „dass wir in der Winterpause mit keinem anderen Torwart sprechen werden“. So sicher wie in den Vorjahren ist Fiedlers Stammplatz jedoch nicht. „Wir können es uns nicht leisten, auf einer Schlüsselposition nicht erstklassig besetzt zu sein“, sagt Hoeneß. Fiedler habe aber verdient, eine Chance zu bekommen, in der Rückserie wieder so zu halten, „wie wir es von ihm gewohnt sind“. Dann würde Hertha sich auch nicht um einen neuen Torwart bemühen.

Fiedlers Vertrag läuft bis 2008. Seit 1990 spielt er für Hertha BSC, wo er seine Karriere auch beenden will. „Aber darauf habe ich keinen Einfluss, also will ich mich damit erst einmal nicht beschäftigen.“ Auch möglich, dass sich Hertha im Sommer einen Konkurrenten für Fiedler holt. Der 23 Jahre alte Ersatztorwart Kevin Stuhr-Ellegaard ist hingegen keine Alternative.

Herthas Torwarttrainer Enver Maric sagt: „Man muss aufpassen, dass man unseren Torwart nicht kaputt macht.“ Ein Torhüter brauche Selbstbewusstsein. Doch Fiedler nimmt die Diskussion gelassen. „Vor zehn Jahren wäre diese Situation für mich vielleicht nicht ganz einfach gewesen. Heute weiß ich, dass ich nur für mich einen klaren Kopf brauche – und den habe ich.“ Auf die Forderungen von Dieter Hoeneß nach einer Rückkehr zu alten Stärken will Fiedler gar nicht eingehen. „Mich muss keiner anspornen“, sagt er, „ich bin seit 17 Jahren bei Hertha, ich glaube nicht, dass ich jemandem etwas beweisen muss.“

Seine Hinrunde hat Fiedler nicht so schlecht in Erinnerung, wie sie von vielen gezeichnet wurde. „In einer Statistik habe ich gesehen, dass ich in der Bundesliga-Rangliste auf Nummer drei bei abgewehrten Schüssen stehe, mit 75 Prozent.“ Aus einer anderen Statistik gehe hervor, dass Hertha die meisten Torschüsse zugelassen hat. „Vielleicht liegt der Fehler ja auch woanders?“, sagt Fiedler. Hertha kassierte in der Hinrunde 24 Gegentore – das ist der schlechteste Wert der ersten fünf Mannschaften. Die Abwehr der Berliner wirkte in der Hinrunde nicht so sicher wie gewohnt.

Die Diskussion passt in einen Trend, der den Torhütermarkt der Bundesliga in Bewegung gebracht hat. Formbedingt haben einige Vereine ihre Torhüter während der Hinrunde ausgetauscht: Der Hamburger SV, der VfL Bochum, Alemannia Aachen, Mainz 05 und Schalke 04 rotierten auf der in der Vergangenheit selten wechselnden Position.

Durch die wachsende Nachfrage ist der Marktwert der Torhüter gestiegen. Timo Hildebrand stieß die höheren Forderungen der Zunft in diesem Winter an, als er die Frist für ein Vertragsangebot des VfB Stuttgart über 2,5 Millionen Euro pro Jahr verstreichen ließ. Raphael Schäfer fordert einen hoch dotierten Vertrag bis 2010 beim 1. FC Nürnberg – und pokert gleichzeitig mit einem Angebot aus Stuttgart. Plötzlich sind auch dem Frankfurter Keeper Markus Pröll 430 000 Euro pro Jahr zu wenig, er will mindestens eine Million. Herthas Torwarttrainer Maric sieht die Forderungen der Torhüter als eine überfällige Entwicklung: „Warum sollen Torwarte nicht so viel Geld verdienen wie Feldspieler. Da gibt es einige, die nicht wissen, wo sie ihr rechtes Bein haben, und trotzdem Millionen verdienen.“ Heribert Bruchhagen, der Vorstandsvorsitzende von Eintracht Frankfurt, hält im „Kicker“ dagegen: „Sind die Torhüter grundsätzlich besser geworden? Nein! Warum dann mehr Geld für eine Berufssparte?“

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