Sport : Der Aufreißer

Stürmer Giuseppe Reina soll Hertha BSC vor dem Abstieg bewahren – doch Spielpraxis hat er kaum

André Görke

Berlin. Auf dem Trainingsplatz verlor Giuseppe Reina erst einmal die Übersicht. Beim Spiel auf vier Tore kam der Stürmer von Hertha BSC an den Ball, erhöhte das Tempo, umkurvte einen Kollegen und schoss gekonnt aufs Tor. „Hey, Billy“, rief Niko Kovac. „Das ist das falsche Tor!“

Zyniker werden diese Szene so interpretieren: Nur wenige Stunden nach seiner Ankunft hat sich Giuseppe Reina wunderbar in das so erfolglose Spielsystem von Hertha integriert. Diese These ist natürlich gemein und ungerecht, weil der 31-Jährige eine anstrengende Nacht hinter sich hatte. Erst am Montagabend, um 22.10 Uhr, meldete Herthas Geschäftsführung den Transfer Reinas von Dortmund nach Berlin als perfekt.

Am frühen Morgen, kurz nach dem Foto- shooting, schlenderte Reina mit seiner Sporttasche in Herthas Mannschaftskabine und stellte sich den Kollegen vor. „Billy“ könne jeder sagen, das sei sein Spitzname. Den habe ihm in der Kindheit mal seine Schwester verpasst, weil sie den Namen „Giuseppe“ nicht aussprechen konnte. Billy also. Billy the Kid. Der Torjäger.

Wenn das mal alles so einfach wäre angesichts der Situation der Berliner. Hertha ist Tabellenletzter; mit 15 erzielten Toren in 18 Spielen. Der Italiener mit deutschem Pass ist also der letzte Versuch, den Abstieg in die Zweite Liga zu vermeiden. „Ich bin richtig froh, dass es geklappt hat“, sagte Trainer Hans Meyer nach dem Training und blickte lächelnd zu Herthas Manager Dieter Hoeneß hinüber. „Der Dieter hat es ja spannend gemacht und mich erst eine Minute vor Mitternacht angerufen.“ Ganz so knapp war es nicht, aber viel später hätte der Vertrag nicht unterschrieben werden dürfen. Bis Mitternacht musste der Vertrag in den Frankfurter Büros der Deutschen Fußball-Liga vorliegen. Bis zum Saisonende darf nun kein Spieler für einen anderen Verein auflaufen.

Giuseppe Reina soll im System von Trainer Hans Meyer eine wichtige Rolle auf der rechten, offensiven Außenbahn spielen. Das war schon am gestrigen Morgen im Trainingsspiel zu erkennen. Während die Spieler immer wieder neu zu einem Team zusammengewürfelt wurden, blieb ein Fragment aus vier Spielern konstant. Reina spielte immer mit Marko Rehmer und Arne Friedrich zusammen, die in den Bundesligaspielen seinen Rückraum auf der rechten Seite abdecken werden und seine Laufwegen kennen lernen sollen. Und natürlich spielte Reina in einer Mannschaft mit Stürmer Fredi Bobic.

Die beiden könnten eine gut funktionierendes Team bilden: Bobic ist kein Athlet und kein Dribbler, aber er ist dann torgefährlich, wenn er schnell und überraschend angespielt wird. Reina dagegen belebt als aggressiver und schneller Spieler den seit Jahren schwachen rechten Flügel. „An guten Tagen kann der Billy eine ganze Abwehrreihe aufreißen“, sagt Bobic. „Der ist dynamisch und dribbelstark.“ Aber eines dürfe niemand vergessen: „Er hat nicht viel Spielpraxis sammeln können.“

Bobic kümmerte sich gestern viel um den neuen Kollegen, trabte neben ihm über den Trainingsplatz und plauderte. Vor vier Jahren standen die beiden im Kader von Borussia Dortmund. Reina war da gerade für vier Millionen Mark von Arminia Bielefeld gekommen und sammelte in jenem Jahr Erfahrung im Abstiegskampf. „Auch das spricht für ihn“, sagt Bobic. Und trotzdem bleibt der Aspekt der mangelnden Spielpraxis.

In Dortmund war Reina nicht mehr gefragt. In der Hinrunde kam der Stürmer nur auf neun Bundesligaeinsätze. „Ich habe mich gut vorbereitet, gut trainiert, aber ich habe keine Chance mehr bekommen“, sagt Reina. Auch deshalb sei er nach Berlin gewechselt.

Reinas Vertrag in Dortmund lief bis 2005. Die Bezüge sollen für dortige Verhältnisse angemessen gewesen sein, also hoch. Hertha habe Reina jedoch überzeugen können, sein Fixgehalt zu senken, den entstehenden Verlust durch Einsätze und somit Prämien wieder wettzumachen, sagte Hoeneß.

Eine Ablösesumme müssen die Berliner offiziell nicht überweisen. Doch in einer Vertragsklausel steht: Reinas Verpflichtung bis 2005 gilt nur für die Bundesliga. Steigt Hertha ab, kehrt Reina zu seinem alten Arbeitgeber zurück. Weil er dann wieder den Dortmunder Etat für ein Jahr belasten würde, müsste Hertha 150 000 Euro zahlen. Als rückwirkende Leihgebühr.

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