Sport : Der bescheidene Sieg

Die deutsche Nationalmannschaft macht sich in Teheran neue Freunde – obwohl sie 2:0 gegen Iran gewinnt

Jens Friesendorff[Teheran]

Um 19.34 Uhr Ortszeit wurde es plötzlich still im Asadi-Stadion von Teheran. Vier Minuten waren zwischen Gastgeber Iran und Deutschland gespielt, als Fabian Ernst im Anschluss an die erste Ecke für die Gäste das 1:0 erzielte. Die ungefähr 109 800 Männer unter den 110 000 Zuschauern schwiegen – zum ersten Mal seit mehreren Stunden. Schon am Mittag war das Stadion zur Hälfte voll gewesen, und um die Arena herum hielten sich kurz vor dem Anpfiff noch rund 150 000 Menschen auf, die sich eine vage Chance ausgerechnet hatten, dem Fußball-Länderspiel zwischen Iran und Vizeweltmeister Deutschland beizuwohnen. Die Polizei löste die Menschenansammlung schließlich auf. „Es war nicht einfach, vor dieser Kulisse zu spielen“, sagte Kapitän Michael Ballack. Allerdings ließen sich die Deutschen auch nicht allzu sehr beeindrucken. 2:0 gewannen sie gestern Abend das Freundschaftsspiel in Teheran.

In den ersten Minuten, vor dem Führungstreffer durch einen Weitschuss des Bremers Ernst, wirkten die deutschen Nationalspieler ein wenig nervös. Da spielten die Iraner mutig und aggressiv, so wie sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann das eigentlich von seiner Mannschaft wünscht. Stattdessen machte er in dieser Phase „eine gewisse Unsicherheit“ bei seinen Spielern aus. Vielleicht lag es an den ungewöhnlichen Umständen dieses Länderspiels: an der großen Kulisse; daran, dass unmittelbar vor dem Abspielen der Hymnen noch ein Gebet vorgetragen wurde; oder dass viele iranische Zuschauer das Deutschland-Lied mit dem Hitlergruß begleiteten – was wohl weniger als Provokation an die Deutschen gedacht war, sondern als Ausdruck des Hasses gegen Israel und die Juden.

Vielleicht hatten die Deutschen aber auch einfach Probleme mit ihrem Gegner, weil die Iraner, immerhin Nummer 20 der Weltrangliste, einen gepflegten Fußball spielen: „Die zählen zur Elite in Asien“, sagte der Bundestrainer. Vor allem nach dem 0:1 spielten die Iraner stark: Bis zur Pause hatten sie einige gute Möglichkeiten, oft nach Weitschüssen. Doch Jens Lehmann, der sich in dieser Woche zum besten Torwart des Landes ernannt hat, konnte dem eigenen Anspruch in seinem 20. Länderspiel gerecht werden.

„Wir hätten schon vor der Pause das 2:0 machen müssen“, sagte Klinsmann. Dann hätte seine Mannschaft die Angelegenheit mit etwas mehr Gelassenheit angehen können. Die beste Gelegenheit, die Führung schon in der ersten Halbzeit auszubauen, besaß der Bremer Stürmer Miroslav Klose, der nach einem exzellenten Zuspiel des starken Sebastian Deisler am Knie des iranischen Torhüters Mirzapur scheiterte. Deisler hatte zuvor an der Strafraumgrenze drei Verteidiger ausgespielt und den Ball dann punktgenau in den Lauf von Klose gepasst. Das zweite Tor für die Deutschen fiel erst nach der Halbzeitpause, in der DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder einen Scheck über 400 000 Euro für die Hilfe im Erdbebengebiet Bam überreichte.

Andreas Görlitz, der zum ersten Mal von Beginn an in der Nationalelf spielte und zunächst sehr nervös wirkte, setzte sich an der rechten Seitenlinie durch und flankte den Ball präzise auf den Kopf des Wolfsburgers Thomas Brdaric. Der Stürmer hatte nach dieser Vorarbeit keine Mühe, auf 2:0 zu erhöhen. Für Brdaric war es das erste Länderspieltor.

Danach war das Spiel entschieden. Durch viele Wechsel auf beiden Seiten ging der Fluss verloren. Die Iraner kamen zwar im Laufe der 90 Minuten zu 16 Ecken, gefährlich waren sie in der zweiten Halbzeit aber kaum noch – selbst in der Schlussphase nicht, als nur noch eine punktuell verstärkte deutsche U-21-Nationalmannschaft auf dem Feld stand. In der zweiten Halbzeit gaben Thomas Hitzlsperger, 22 Jahre, und Per Mertesacker, 20, ihr Debüt im Nationaltrikot, die Neulinge vier und fünf in der Amtszeit des neuen Bundestrainers. „Da wächst was zusammen“, sagte Klinsmann.

Die Deutschen traten diesmal zwar nicht so spektakulär auf wie beim 1:1 gegen Brasilien; sie überzeugten aber als Mannschaft. Und sie meisterten im Laufe der Partie immer besser die Schwierigkeiten, die ihnen der Gegner anfangs bereitete. „Die Jungs verdienen ein Riesenlob“, sagte Jürgen Klinsmann. Das galt auch dafür, wie die Nationalspieler in diesem unbekannten Land aufgetreten waren: bescheiden, aber nicht unterwürfig. So erhält man die Freundschaft.

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