Sport : Der Beste zum Schluss

Defensivkünstler Novak Djokovic ringt Roger Federer im Endspiel des ATP-Tour-Finals nieder.

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Houdini des Tennissports. Egal wie aussichtslos die Lage auch zu sein scheint, Novak Djokovic gibt keinen Ball verloren. Foto: dpa
Houdini des Tennissports. Egal wie aussichtslos die Lage auch zu sein scheint, Novak Djokovic gibt keinen Ball verloren. Foto: dpaFoto: dpa

Novak Djokovic hat viele Gesichter. Mal ist er der ernsthafte, smarte junge Mann aus Serbien, der schon zwei Kriege miterlebt hat. Dann wieder gibt er den albernen Spaßvogel, der seine Gegner gekonnt parodiert. Mal ist er aber auch der, dem unterstellt wird, Verletzungen bloß vorzutäuschen. Und dann wiederum kommt er als martialischer Krieger daher, der sich wüst beim Punktgewinn auf die Brust trommelt und ständig bekreuzigt. Es sind alles Facetten eines exzentrischen Tennisspielers, doch seit zwei Jahren sticht wohl eine besonders hervor: die des Entfesslungskünstlers. Man könnte sagen, er ist eine Art Harry Houdini des Tennissports geworden. Auch wenn Djokovic nicht buchstäblich kopfüber in Zwangsjacke und Handschellen gekettet in einem Wassertank hängt, so vermag sich der Weltranglistenerste doch wie kein anderer in noch so aussichtslosen Lagen aus dem Würgegriff des Gegners zu befreien. Wie am Montagabend im Endspiel des ATP-Tour-Finals gegen Roger Federer, den er mit 7:6 und 7:5 bezwang und sich zum zweiten Mal nach 2008 zum Champion krönte.

Die beiden stärksten Spieler hatten sich nach einer spektakulären und kräftezehrenden Saison das Beste für den Schluss aufgehoben. In einer Partie, die kaum hochklassiger hätte sein können, boten Djokovic und Federer den fast 18 000 Zuschauern in der North Greenwich Arena über zweieinviertel Stunden hinweg einen atemberaubenden Schlagabtausch. „Wir hätten die Saison nicht besser beenden können“, meinte Djokovic. Erst zum vierten Mal in der 43-jährigen Turniergeschichte standen sich die Nummer eins und zwei im Finale gegenüber, und sie quetschten, wie es Djokovic später nannte, „das Maximum aus dem anderen heraus“. Federer, der zum achten Mal gegen den achten Gegner im Endspiel des Saisonhöhepunktes antrat, wollte seinen Rekord gerne mit dem siebten Triumph aufstocken. Doch am Ende musste er sich ein bisschen wie um sein persönliches Eigentum betrogen fühlen. In beiden Sätzen führte der Schweizer, brachte es aber nicht zu Ende. „Besser als heute kann ich kaum spielen“, sagte der 17-malige Grand-Slam-Sieger, „es war ein großartiges Match und extrem eng zwischen uns.“

So eng, dass den Zuschauern ein ums andere Mal der Atem stockte. In so horrendem Tempo und aus schier unmöglichen Winkeln trieben sich die beiden Finalisten über das Feld, peilten mit atemloser Kühnheit die Linien an. Sie griffen tief in die Trickkiste, nutzten alles, was sie in petto hatten. Unerzwungene Fehler, wie die Statistik später weismachen wollte, gab es in diesem gewaltigen Spielrausch einfach nicht. Federer hatte die ersten neun Punkte der Partie erzielt, zog mit 3:0 davon. Der 31-Jährige spielte mit der Leichtigkeit seiner besten Tage. Doch Djokovic ist der wohl zäheste Akteur der Branche, ein exzellenter Defensivspieler, der niemals aufgibt. Zum 3:3 glich er wieder aus, und es entwickelte sich ein Kampf, in dem nur noch Nuancen entschieden. „Was am Ende in den Unterschied macht, ist das Mentale, die Kraft der Psychologie“, sagte Djokovic. Als er das Break zum 5:4 geschafft hatte, glich Federer wieder aus und wehrte im Tiebreak den ersten Satzball mit dem spektakulärsten Spielzug der Partie ab. Die Kontrahenten hatten sich vor und zurück mit butterweichen Volleys und irrwitzigen Winkeln getrieben, bis Federer eine schier unerreichbare Vorhand noch cross an Djokovic vorbeispitzelte.

Nach 72 Minuten ging der erste Satz dennoch an Djokovic. Federer ließ sich anschließend aber nicht hängen. Sofort ging er mit dem Break in Führung, hatte beim Stand vom 5:4 in Durchgang zwei sogar zwei Satzbälle. Doch Djokovic stemmte sich so sehr dagegen, als hinge sein Leben davon ab.

„Man wusste nie, in welche Richtung das Match kippen würde“, sagte der Serbe, „aber ich habe mir immer gesagt, dass ich es noch drehen kann. Und es hat wieder geklappt.“ Mit 1,4 Millionen Euro Preisgeld wurde ihm der Triumph versüßt, während Federer etwas enttäuscht war: „Ich bedaure es etwas, dass ich zweimal die Führung nicht ins Ziel gebracht habe. Finals verliere ich nicht so gern.“ Aber als der Schweizer seine Tasche schulterte, brandete der Jubel der Fans in der Arena noch einmal auf. Federer huschte ein Lächeln übers Gesicht. Verlierer sehen anders aus.

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