Sport : Der Besuch der alten Dame

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Von Robert Hartmann

Berlin. Kurz vor ihrem speziellen Geburtstag, den man auch Marathon-Geburtstag nennen könnte in Anlehnung an die Marathonstrecke, kurz bevor sie also 42 Jahre und 195 Tage alt wird, startet die Ausnahme-Athletin Merlene Ottey bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in München (6. bis 11. August). Als Sprinterin. Denn am Donnerstag erhielt die attraktive Sportlerin, die am 10. Mai 1960 in Cold Spring auf Jamaika geboren wurde, vom jamaikanischen Verband, für den sie bisher gestartet war, die Freigabe und die Startberechtigung für Slowenien. In dessen Hauptstadt Ljubljana lebt sie seit 1998.

Jetzt teilte die 42-Jährige ihre nächsten Ziele mit: Zeiten unter elf Sekunden über 100 m und unter 22,50 Sekunden über 200 m. Damit läge sie im Medaillenbereich. Sie ist in ihrer Disziplin, dem Sprint, ein Unikat. Bei den Olympischen Spielen 2000, als sie für Jamaika Bronze in der 4-x-100-m-Staffel gewann, hatte sie schon ein besonderes Denkmal bestiegen. Sie war die älteste Leichtathletin, die jemals bei Olympischen Spielen eine Medaille gewonnen hatte.

Und jetzt hat sie immer noch nicht genug. Besser gesagt: Sie will noch Zeiten laufen, die absolute Weltklasse darstellen. 100 m unter elf Sekunden, das ist schon für eine Mittzwanzigerin exzellent. Für eine 42-Jährige wäre das schlicht sensationell. Nur mal zum Vergleich: Vor einer Woche wurde Sina Schielke aus Dortmund Deutsche Meisterin über 100 m. Sie gewann in 11,28 Sekunden. Sina Schielke ist 21.

Otteys Ziele sind auch deshalb außergewöhnlich, weil sich ihre Starterlaubnis um einige Wochen verzögert hatte und sie bis zum 6. August noch schnell ein paar Rennen zur Einstimmung auf die EM suchen muss. Außerdem pausierte sie mehr als ein Jahr. Sie hatte eine schmerzhafte Verletzung.

Merlene Ottey ist auch noch eine reisende Botschafterin von Jamaika, sie machte jahrelang Werbung für das Land. Die Sprinterin werde weiterhin für Jamaika einstehen, sagt ihr Manager Daniel Zimmermann. Er hatte sie auch mit Trainer Sryidian Djordjevic zusammengebracht, der die 42-Jährige inzwischen zur Teilhaberin seiner Firma machte. Die heißt TMG und kümmert sich um die Messungen von Muskelspannungen. So richtig Bescheid über dieses Thema weiß Merlene Ottey zwar noch nicht, aber jedenfalls sieht sie ihre Zukunft als Geschäftsfrau und nicht als Trainerin. Dass sie auf andere Athleten eingeht, das ist bei ihr allerdings auch schwer vorstellbar. Dazu war sie jahrelang zu sehr eine Diva. Nach mehreren dritten Plätzen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften wurde sie „Lady in Bronce" genannt. Seit den Olympischen Spielen 1980 gewann sie sieben olympische und 14 WM-Medaillen, zweimal wurde sie 200-m-Weltmeisterin. „Das Alter spielt für mich keine Rolle“, sagte sie in einem Interview. Das ist natürlich charmanter Selbstbetrug.

Aber zweifellos ist die EM um eine Attraktion reicher.

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