Sport : Der Bundeskaiser hält Hof

Wenn sich der Bundestrainer zur Bundeskanzlerin begibt, hat immer noch ein anderer das Sagen: WM-Pate Franz Beckenbauer

Sven Goldmann

Berlin - Jürgen Klinsmann wirkt ein bisschen aufgeregt. Der Bundestrainer faltet die Hände hinter dem Rücken, er wippt in seinen Schuhen, braunen Wildlederschuhen, wie sie auch sein Vorgänger Rudi Völler gern zum dunklen Tuch trägt. Es ist Mittwochabend, kurz nach halb acht, und Klinsmann müsste eigentlich in der Hamburger AOL-Arena sitzen, wo der HSV gegen Rapid Bukarest spielt. Ein Pflichttermin in diesen Tage, da der deutsche Fußball anscheinend nur zu retten ist, wenn Klinsmann täglich ein Spiel der hiesigen Klubs anschaut, mindestens. An diesem Mittwoch darf er mit höchstbehördlicher Genehmigung schwänzen. Die Bundeskanzlerin hat zum Informationsgespräch eingeladen, und Chef-Kritiker Franz Beckenbauer ist auch mit von der Partie.

Der Bundestrainer war schon ein paar Mal im Bundeskanzleramt, als Gerhard Schröder noch das Wort führte. Jetzt macht er seinen Antrittsbesuch bei Angela Merkel. Ein Referent hat ihr eine Rede geschrieben mit Abseitsregel, Raute und Viererkette, was halt so dazugehört beim Fußball. Die Kanzlerin ist keine ausgewiesene Fachfrau, aber im Umgang mit Beckenbauer hat sie Klinsmann eines voraus. Sie weiß, wie man einen Bayern wegbeißt. Jürgen Klinsmann war weit weg, aber die Debatte um seinen Wohnsitz hat ihm keine Ruhe gelassen in Huntington Beach, California. Also ist er zurückgekehrt nach Deutschland, drei Monate, bevor die Nationalmannschaft antritt zum Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft. Zum Schluss seiner kurzen Rede sagt er: „Wir werden unser Ding durchziehen, unabhängig vom Wohnort.“ Genug geredet. Klinsmann tritt ab vom Podium und geht zurück zur Bundeskanzlerin. Im Vorbeigehen fragt er Franz Beckenbauer: „Hab’ ich alles richtig gemacht?“ – „Ja, alles richtig.“

So großzügig ist Beckenbauer nicht immer. Es geht hier schließlich nicht um irgendeine Weltmeisterschaft, sondern um seine Weltmeisterschaft, das hat die Kanzlerin noch einmal bestätigt mit dem Satz: „Ohne Franz Beckenbauer hätte Deutschland diese WM nie bekommen.“ Ein Erfolg wird diese WM aber nur mit einer erfolgreichen deutschen Mannschaft, und deswegen hat er ein wenig Dampf abgelassen und geschimpft über einen schlecht erzogenen Bundestrainer, der die kalifornische Sonne genießt, während Deutschland im Chaos versinkt. Klinsmann hat pariert, und Beckenbauer kann im Kanzleramt en passant erwähnen: „Schön, dass Jürgen seinen Wohnsitz nach Deutschland verlegt hat. Zu viel Sonne tut ihm auch nicht gut.“ Die Dinge laufen wieder im Sinne des Franz Beckenbauer.

Wer die Machtverhältnisse im Kanzleramt nicht kennt, könnte leicht auf die Idee kommen, der Herr mit dem grauen Haar sei hier der Gastgeber. Mit der ihm eigenen Souveränität plaudert Beckenbauer über Gott und die Welt, selbstverständlich ohne Manuskript und wahrscheinlich ohne Vorbereitung. Dabei räumt er auf mit der Legende, er habe schon alle 31 Gast-Nationen der Weltmeisterschaft besucht. Es waren erst 30, „einen kurzen Ausflug haben wir noch vor uns, nach Australien“. Bei seinem letzten Besuch im Kanzleramt ist ihm Außenminister Frank-Walter Steinmeier über den Weg gelaufen, „da hab’ ich ihm zugerufen: Hallo, Herr Kollege!“ Eine Reaktion von Steinmeier ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat er brav zurückgegrüßt.

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