Sport : Der Charme von Mariendorf

Die Derbywoche der Traber startet heute mit einem besonderen Höhepunkt: dem Charlie-Mills-Memorial

Heiko Lingk

Berlin. 90 Jahre zählt sie schon, aber immer noch besitzt sie ihren eigenen Charme: die Trabrennbahn in Mariendorf, wo zum 108. Mal das Deutsche Traber-Derby ausgetragen wird. Am charismatischsten gibt sich die ehrwürdige Anlage, wenn die Derby-Woche eröffnet wird. Wenn heute gegen 12 Uhr Hubschrauber über der Tempelhofer Sandpiste kreisen und sich am Himmel die Fallschirmspringer mit dem Blauen Band – dem Symbol des Derbys – in den Händen zum Absprung bereitmachen, setzt bei allen Pferdefans ein Kribbeln ein. Und wenn sich die bunten Sulkygespanne wenig später hinter den ausgestreckten Flügeln des Startwagens versammeln, gehört die Konzentration der Fahrer einem besonderen Rennen. Dieses gehört so sehr zu der Traber-Woche in Mariendorf wie das mit 500 000 Euro dotierte Derby selber: das heutige Charlie-Mills-Memorial.

Das Trabrennen revolutioniert

Der Mann, dem diese Prüfung gewidmet ist, revolutionierte zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit neuen Trainingsmethoden den gesamten Pferdesport. Zunächst hatten ihn allerdings seine Konkurrenten für verrückt erklärt. Sie hätten es eigentlich besser wissen müssen: Denn der 1972 gestorbene Charlie Mills war mit dem Traben verbunden wie kein anderer.

1888 auf dem Stallgelände an der Rennbahn in Hamburg-Bahrenfeld geboren, stieg der Profi rasant zum Star der deutschen Sulkyszene auf und beherrschte zusammen mit Hänschen Frömming das Geschehen in Berlin. Neun Derbytriumphe, drei Erfolge im Prix d’Amérique und 17 nationale Meistertitel standen auf dem Konto des 4364-maligen Siegers. Mills entscheidende Theorie lautete: Ähnlich wie Leichtathleten müssen sich auch Pferde auf ihre Aufgaben vorbereiten. Also dürfen sie nicht bis zur letzten Minute vor dem Start geschont werden, wie es damals traditionell praktiziert wurde. Genau das Gegenteil sei nötig, glaubte Mills. Ein schnelles Intervalltraining schon vor dem Rennen, um die Muskulatur aufzuwärmen.

Mittlerweile sind Mills’ Ideen zum Gesetz geworden in der Traberszene und einige seiner sportlichen Enkel haben ihn in der Bilanz bereits überholt. In Heinz Wewering aus Castrop-Rauxel ist am Sonntag ein Profi in den beiden Vorläufen des Memorials dabei, der auf fast 15 000 Erfolge im Sulky kommt. Auch der neunmalige Berliner Champion Michael Hönemann nähert sich mit 3630 ersten Plätzen immer mehr der Siegmarke von Mills. Beide streben heute nach dem Sieg in dem mit 27 000 Euro dotierten Klassiker. Jeweils die fünf Bestplatzierten der Vorläufe qualifizieren sich für das Finale, das kurz vor 18 Uhr entschieden wird. Wewering tritt mit den schwierigen Trabern Mount Rushmore und Ijssel an, Hönemann setzt auf seinen international erprobten Macmillan, der bisher über 124 000 Euro Preisgeld gewann.

Dass unter den insgesamt 17 Konkurrenten auch der vom Holländer Dion Tesselaar gefahrene Titelverteidiger Prinz Bongard und zudem mit dem Hamburger Traber Springfield ein Pferd dabei ist, das bisher 20 seiner 21 Starts gewann, schreckt beide nicht.

Wewering sinnt auf Revanche

„Prinz Bongard ist offensichtlich nicht mehr in der gleichen Form wie beim letzten Mills-Memorial“, sagt Heinz Wewering, „und die Statistik von Springfield ist beeindruckend, aber er tritt diesmal gegen Gegner aus einer höheren Gewinnklasse an.“ Den Optimismus lässt sich der Mann mit dem Goldhelm nicht nehmen. Am Sonntag startet zugleich eine Fahrer-Sonderwertung, die sich nach einem Punktesystem über die gesamte Derby-Woche erstreckt und mit zusätzlichen 8000 Euro dotiert ist. Und da brennt der Vorjahreszweite darauf, an seinem letztjährigen Bezwinger Hönemann Revanche zu nehmen.

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