Der Fahrplan : Willst du mit mir sehen?

320 Stunden Olympia im Fernsehen: Während die Fans eingedeckt sind, schaltet der Wintersportmuffel besser ganz ab.

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Vancouver im Blick. Wintersport-Experten wie Markus Wasmeier, Katarina Witt und Peter Schlickenrieder sollen die...Foto: MDR

Schlechte Zeiten für Sportmuffel: Die Olympischen Winterspiele beginnen, neben der Fußball-WM im Juni und Juli das TV-Großereignis des Jahres. Ab Freitag ist jeder Programmtag fast komplett im Wechsel für ARD oder ZDF für Olympia reserviert. Ein Fernsehmarathon über 320 Stunden, das wären über 13 Tage durchgehend Sport. Die Spiele selbst dauern 17 Tage. Auch wenn, wie heute bei der Eröffnungsfeier ab drei Uhr, wegen der Zeitverschiebung zu Vancouver/Kanada einige Höhepunkte zu nachtschlafener Zeit laufen und Sportmuffel wenig stören – im Grunde ist mit dem olympischen Schlag der Öffentlich-Rechtlichen die Suche nach Qualitätsfernsehen in den nächsten Wochen komplett einzustellen.

„Anne Will“, „Maybrit Illner“, „hart aber fair“, „Harald Schmidt“? Fehlanzeige. „Tatort“? Fürchtet euch woanders. Der anspruchsvolle Mittwochabendfilm im Ersten? Fällt aus. Wer sich an diesem Wochenende beispielsweise abends in der Primetime nicht für die Abfahrt der Herren (Samstag, ARD) oder die Biathlon-Sprintentscheidung der Herren (Sonntag, ZDF) interessiert, wird mit Karneval (ARD und ZDF) sowie Bohlen auf RTL abgespeist. Andererseits, die Sender haben für die Übertragungssrechte an den Spielen viel Geld gezahlt. Für die Rechte an den Olympischen Spielen 2016 sollen ARD/ZDF 90 Millionen Euro geboten haben. Die Europa-Übertragungsrechte für diese Winterspiele – und die Sommerspiele 2012 – sind für die Rekordsumme von 614 Millionen Euro an die Europäische Rundfunk-Union (EBU) gegangen. Bis zu 40 Kameras stehen in Vancouver an der Bob-Bahn. Mehr als 28 Tonnen Studiodekoration und Equipment wurden nach Kanada verschifft, 25 Kilometer Glasfaserkabel verlegt, auch für den Start des hochauflösenden Fernsehens. 10 000 Medienvertreter sind vor Ort, wenn bis zum 28. Februar 86 Goldmedaillen vergeben werden. Für das Fernsehen bedeutet das: morgens ab neun dreistündige Zusammenfassungen der Entscheidungen aus der Nacht, Olympia live von 18 bis ein Uhr und von ein Uhr bis neun Uhr. Dazu ganztags Eurosport.

Olympische Rundumversorgung, olympische Augenringe wie gewohnt also, und ein bisschen von dem öffentlich- rechtlichen Geld kommt sicher mit Gewinnspielen wieder rein. Wer vor Wochen Gast bei der Olympia-Moderatoren-Präsentation von ARD und ZDF in der kanadischen Botschaft war, kann sich ausmalen, mit welch’ kritischem Impetus das geschehen wird. Während vorne auf dem Podium Katrin Müller-Hohenstein und Michael Antwerpes ihre Chefredakteure und diverse Experten von Ricco Groß bis Katarina Witt bei Laune hielten, machte sich ARD-Doping-Redakteur Hajo Seppelt, im Grunde Teil der öffentlich-rechtlichen Olympia-Mannschaft, unten bei den Pressevertretern Notizen für seine Dopingreportage, die vor Tagen gegen Mitternacht im Ersten lief, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Film zeigte, dass der eine oder andere Wintersportler, der zu Gast bei Michael Steinbrecher, Waldemar Hartmann oder Gerhard Delling sein dürfte, auch mal Gast in einem Dopinglabor gewesen sein könnte.

Hätte, dürfte, könnte. Gute Quoten bringt Wintersport immer. Und um Olympia-Fans den Fernsehspaß nichts vollends zu verderben, sei auf legendäre Übertragungen bei Winterspielen verwiesen, auf das Eishockeyfinale USA gegen UdSSR 1980 („Das Wunder von Lake Placid“) oder auf einen Reporter-Blitz wie Bruno Morawetz, der in einer endlosen Übertragung eine aus der Kamera gefallene deutsche Langlaufhoffnung suchte („Wo ist Behle?“). Doch, Medaillenzählerei kann auch unterhaltsam sein.


Olympia live. ARD/ZDF, täglich bis 28.2.

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