Sport : Der Fall Merlene Ottey hat das Problem wieder ins Bewusstsein gerückt

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Der Aufsehen erregende Dopingfall der jamaikanischen Sprinterin Merlene Ottey hat vor Beginn der WM-Wettkämpfe in Sevilla ein geteiltes Echo und zum Teil heftige Reaktionen hervorgerufen. Während Athleten wie Weltmeisterin Marion Jones ihr Misstrauen gegenüber der Zuverlässigkeit von Dopingkontrollen zum Ausdruck brachten, äußerte sich IAAF-Präsident Primo Nebiolo in geringschätziger Art und Weise über den Alt-Star. "Wir werden eine schöne Weltmeisterschaft haben, dafür brauchen wir keine 39-jährige Frau", erklärte der greise Italiener. Es habe im Vorfeld der WM "zwei, drei Fälle von Athleten gegeben, die ohnehin keine Siegchance hatten", spielte der 76-jährige Chef des Weltverbandes die Dopingfälle von Ottey und Linford Christie herunter. Beide waren der Einnahme des anabolen Steroids Nandrolon überführt worden.

Nebiolo machte aber zugleich deutlich, dass die IAAF keinen Halt vor prominenten Namen machen werde. "Wenn sie schuldig sind, werden sie gesperrt. Damit haben wir kein Problem." Mit Unverständnis reagierte IAAF-Vizepräsident Arne Ljungqvist, auch Leiter der medizinischen Kommission: "Ich verstehe nicht, warum so viele Athleten in letzter Zeit zu Nandrolon greifen." Immerhin seien Metaboliten, zu denen Nandrolon gehört, dank verfeinerter Analysetechniken schon seit einigen Jahren nachweisbar.

Nach Auskunft des Ottey-Managements stand auch gestern noch kein "definitiver Termin" für die Öffnung der B-Probe fest. Die Details seien mit der Athletin "noch nicht abgestimmt worden". Bis zur Analyse der B-Probe ist Merlene Ottey, deren derzeitiger Aufenthaltsort weiter geheim gehalten wird, nicht suspendiert.

Helmut Digel bewertete die Nachricht von der positiven A-Probe Otteys sogar als einen Erfolg im Anti-Doping-Kampf. "Der Fall zeigt, dass das Kontrollsystem hinhaut. Darauf können wir stolz sein", erklärte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Genau dies wird jedoch von den US-amerikanischen Sprintstars bezweifelt. "Was ich über die Fälle der letzten zwei Wochen so gehört habe, bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob die Kontrollen so zuverlässig sind, wie sie sein sollten", sagte 100-m-Weltmeisterin Marion Jones bei einer Pressekonferenz in Sevilla.

Rudi Thiel, Meeting-Direktor des Berliner Istaf, wurde von der Nachricht unangenehm überrascht. "Es ist schon tragisch für die Leichtathletik. Es müsste aber auch jüngere Athleten befriedigen, dass Kontrollen nicht vor großen Namen Halt machen." Für Thiel liegen jüngste Dopingfälle vor allem in einer gewissen Torschlusspanik begründet. "Es ist auffällig, daß viele ältere Sportler erwischt werden. Sie verkraften vermutlich nicht, dass die Jüngeren sie sportlich verdrängen und befürchten finanzielle Einbußen." Für das Istaf ist der Name Merlene Ottey natürlich passé. "Das ist schade, immerhin wäre sie zum zehnten Mal dabei gewesen. Sie war lange Zeit ein großes Aushängeschild." Allerdings heißen die wirklich großen Namen in diesem Jahr Jones und Greene.

Pikanterweise ist bereits vor einer Woche mit Otteys Manager Zimmermann der Vertrag über den Start beim Istaf geschlossen worden. "Mir kam das schon sehr komisch vor, dass Marlene bisher nur bei kleinen Meetings getingelt ist", erklärt Thiel seine Verwunderung, "aber der Manager hat mir versichert, dass dies als Vorbereitung auf das große Duell bei der WM über 200 Meter mit Marion Jones dienen soll. Ottey wollte Jones dabei sehr nahe kommen."

Thiel empfiehlt einen rigorosen Schritt in die Offensive, falls es zu zahlreichen Positiv-Kontrollen bei der WM käme: "Es ist möglich, eine freiwillige Kontrolle aller Athleten durchzuführen, um anschließend sagen zu können: Bei uns sind alle sauber. Die Athleten könnten wir dazu bewegen."

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