Sport : Der fühlende Holländer

Rund um das glückliche 1:0 in Lille diskutiert Bayern München über Arjen Robbens Rücktrittsgedanken.

Berlin - Wohl nur der FC Bayern München schafft es, ein Spiel vor Anpfiff durch aufgeregte Diskussionen in den Hintergrund rücken zu lassen und die Debatte noch zu beenden, bevor der erste Ball rollt. Er denke wegen seiner vielen Verletzungen darüber nach, die Karriere zu beenden, hatte Arjen Robben einem niederländischen Sender anvertraut. Die Reaktion kam umgehend: Die Medienabteilung des FC Bayern verbreitete, solche Gedanken gebe es nicht, auch Robbens Vater widersprach im Fernsehen – und Sportvorstand Matthias Sammer nannte einen möglichen Rücktritt „Quatsch“.

Mit derart viel Verve und Tempo wie bei der Eindämmung der Robben-Aufregung gingen die Münchner dann beim 1:0 in Lille nicht zu Werke. Durch einen glücklichen Elfmeter von Thomas Müller holten sich die Bayern die drei Punkte aus Frankreich, das Spiel war aber langweiliger als das Gerede um Robben. „Auch solche Spiele muss man gewinnen“, sagte Trainer Jupp Heynckes, „das war ein Arbeitssieg.“ Dieses Spiel werde „nicht in die Geschichtsbücher eingehen“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Immerhin ließ Bayern die peinliche 1:3-Niederlage zuletzt bei Bate Borissow vergessen. Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass Gruppengegner Valencia am Dienstag dort locker 3:0 gewann.

In Lille war Robben nur als Unruheherd anwesend, der Flügelstürmer plagt sich seit Ende September mit Oberschenkelproblemen, der Zeitpunkt der Rückkehr ist ungewiss. Ein Fernsehteam hatte den Holländer nach Ruhpolding begleitet, wo er sich mit einem Landsmann traf, Eisschnelllauf-Olympiasieger Sven Kramer. Dort sprach Robben darüber, dass er die Lust verliere, sich nach Verletzungen immer wieder zurück zu kämpfen. „Ich wollte meine Fußballschuhe abgeben und Schluss machen. Ich habe eine ganze Litanei von Verletzungen bis an die Decke“, sagte der ewige Patient und zeigte auf die hohe Hallendecke des Holzlagers in Ruhpolding, in der sich Kramer einen Kraftraum eingerichtet hat. „Das macht mich manchmal sehr traurig.“ Die Gedanken an Rücktritt gingen sehr weit. Erst im Frühjahr hatte er bis 2015 verlängert.

Die Bayern ließen ihn noch am Dienstagabend mitteilen: „Ja, ich habe dieses Interview gegeben. Ja, ich habe über meine Enttäuschung während der Verletzung, über meinen Frust, dass es mit dem Comeback so lange dauert, gesprochen“, sagte Robben. Die Gedanken seien entstanden in der Enttäuschung und Verärgerung. Doch Robben fügte an: „Aber Fußball ist mein Leben. Das werde ich freiwillig nicht aufgeben.“

Sammer sprach davon, dass man dem Niederländer zu ehrgeizig zum Aufgeben sei, aber man ihm keinen Gefallen damit tue, über den Zeitpunkt seiner Rückkehr zu diskutieren.

Die eigenwilligste Interpretation lieferte wieder einmal Franz Beckenbauer. „Er ist ein bisschen empfindlich. Aber er ist ein Holländer, die sind alle ein bisschen empfindlich.“

Bei Javier Martinez ist es anders, den 40-Millionen-Euro-Einkauf scheint es nicht zu stören, dass er meist nur dann ins Team kommt, wenn die Champions-League-Melodie erklingt. In der Bundesliga stand der Spanier dagegen erst zweimal in der Startelf.

Im Grand Stade in Nordfrankreich, für 50 000 Zuschauer und die EM 2016 errichtet, blieb das bewegliche Stadiondach offen. So konnte der Bengalorauch, den die Münchner Fans erzeugten, abziehen. Bayern kontrollierte das Spiel von Beginn an, ohne dass Funken übersprangen. Lille, vergangene Saison Dritter und aktuell nur Elfter in Frankreich, versuchte es mit Kontern. Aber obwohl die bajuwarische Abwehr nicht immer sicher wirkte, kamen die Gastgeber trotzdem nicht hindurch.

Dafür stellten sie sich defensiv dilettantisch an. Einen langen Pass der Bayern hatte Linksverteidiger Lucas Digne eigentlich schon geklärt, aber er grätschte den Ball zu Philipp Lahm. Digne lief hinterher, sein Arm berührte dabei sacht Lahms Rücken. Die Einladung zum Fallen nahm der Bayern-Kapitän gern an. Thomas Müller veredelte den wohlwollenden Elfmeterpfiff zur Führung, so kühl und gelangweilt, wie das Spiel bis dahin war. Situativ versuchten die Bayern, Druck auf ihre Gegenspieler auszuüben, ließen es aber situativ auch bleiben und das Spiel laufen.

Der einzige Akteur, den dieses Spiel bis dahin emotional berührt hatte, der engagierte Franck Ribèry, musste gegen seinen Jugendklub mit einer Muskelverhärtung vorsichtshalber zur Halbzeit in der Kabine bleiben. Für ihn kam Xherdan Shaqiri, der sich besser in die souveräne Gleichgültigkeit der Bayern einfügte.

Die Liller, so sagt man wohl, wurden auch nach der Pause nur auffällig durch ruppige Zweikämpfe, Distanzschüsse und schnelle Konter, die noch schneller im Nichts versandeten. Das Spiel lebte nur von der theoretischen Spannung, der knappen Bayern-Führung wegen. Eine Viertelstunde vor Schluss schien den Franzosen aufzufallen, dass ihnen nur ein Treffer fehlte. Zu Schüssen auf das Bayern-Tor reichte diese Erkenntnis aber nicht.

Danach durfte wieder über Robben diskutiert werden. „Er wird noch viele gute Spiele für uns machen“, sagte Heynckes. Er habe noch am Dienstag eine SMS vom Bayern-Fitnesstrainer bekommen, dass der Niederländer gut trainiert habe. Und dann tat Heynckes ihm den Gefallen, über den Zeitpunkt seiner Rückkehr zu sprechen: das Zweitrundenmatch im DFB-Pokal am kommenden Mittwoch gegen Kaiserslautern. „Ich bin optimistisch, dass er eventuell im Pokal zurückkehren wird“, sagte Heynckes vor dem Rückflug am Mittwoch. Da hatte sich Robben selbst schon in einer Boulevardzeitung zu Wort gemeldet: Er komme bald zurück, Rücktritt, also nee, absolut nicht. Tsp

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