Sport : Der Fuß Gottes

In England lieben ihn nicht nur die Mädchen, sondern auch die Männer – jetzt wechselt der Kicker David Beckham nach Madrid

Helmut Schümann

Es ist der Fuß, der rechte Fuß. Er kann ihn abknicken, wie kein Zweiter auf der Welt. Er kann damit Flanken schlagen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Er ist damit zu einem der großen Stars geworden in der Welt des Fußballs. Und deshalb wechselt David Beckham nun von Manchester United zu Real Madrid. Die Spanier haben für diesen Einkauf 35 Millionen Euro an die Engländer bezahlt, es heißt, dass David Beckham bei Real 128000 Euro pro Woche Gage erhält. Man fragt sich allerdings, warum – wo doch Real Madrid ohnehin eher galaktisch besetzt ist und im rechten Mittelfeld, da wo David Beckham so unnachahmlich Fußball spielt, den Portugiesen Luis Figo hat, der dort ebenfalls unnachahmlich Fußball spielen kann. Aber das ist eine fachspezifische Fußballfrage und solche sind im Falle David Beckhams doch eher nachrangig.

Vorrangig ist David Beckham, 28, Kapitän der englischen Nationalmannschaft, bei Manchester United in Diensten seit er 14 Jahre alt war, vorrangig ist dieser David Beckham Superstar, Popstar, Ikone. Was alles zusammen auch die Zerrüttung mit seinem langjährigen Trainer und Mentor Sir Alex Ferguson befördert hat, einem knorrigen Schotten, der vor seiner Zeit als Coach Werkzeugmacher war in Glasgow und sich immer noch mehr den Schwielen verpflichtet fühlt als den Flausen. Das war schon lange nicht mehr die Welt Fergusons, in der sich Beckham bewegte und in die er am Tage des Transferabschlusses erneut hineinflog.

Am Dienstag reiste Beckham zur Promotiontour nach Asien. In Fernost liegt ein gigantischer Markt, seit der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea und Beckhams dortigem Auftritt mit dem englischen Team. Seither findet sein Trikot mit der Nummer sieben äußerst profitablen Absatz. Bislang war es das rote von Manchester United, künftig sind also Millionen Asiaten im weißen Leibchen von Real Madrid zu erwarten, dann allerdings mit der Nummer elf. Beckhams Welt also ist die des Marketings, da kennt er sich aus, in der hat er Werbeverträge bei Pepsi-Cola, bei Adidas und seit neuestem auch bei Vodafone, wo man seine etwas piepsige Stimme als Ansage für die Mailbox runterladen kann – diese Welt bringt ihm rund 15 Millionen Euro per anno.

Das ist der Hintergrund des spektakulären Transfers, auf den bis zuletzt auch Reals Konkurrent FC Barcelona gehofft hatte. Eine Erklärung, warum die Hysterie David Beckham gilt, ist das nicht, die liefert Beckhams Vita und Beckhams Symbolkraft. Dass der Brite mit Victoria verheiratet ist, dem ehemaligen Spice-Girl, und sich die beiden im Luxus suhlen und dem ungebremsten Glamour hingeben, erklärt ja nur beider Dauerpräsenz in den Klatschspalten. Da war zu lesen, dass die beiden mit Söhnchen Brooklyn ein Anwesen nahe London ihr Eigen nennen (erworben für 3,9 Millionen Euro), den so genannten Beckingham Palace, mit sieben Schlafzimmern, einem vergoldeten Billardtisch und dem nicht unerheblichen Nachteil, dass er 320 Kilometer von Davids bisherigem Arbeitsplatz in Manchester entfernt liegt. Ein Umstand, den der Familienvater durch Ankauf eines Hubschraubers und Bau eines Landeplatzes (1,5 Millionen Euro) abzumildern gedachte, sein Trainer Ferguson legte aber ein Veto ein.

Aber das sind ja nur die Folgen des Ruhms, die Ursache hat ein Soziologieprofessor der Universität Staffordshire zum Thema einer Vorlesung gemacht. Ellis Cashmore heißt der Mann und hat herausgefunden, dass kein Fußballspieler derart das Männerbild verändert hat wie David Beckham. Cashmore spricht von einer europaweiten „gender-confusion“, einer Geschlechter-Konfusion, in der sich die traditionellen Unterschiede von Männlichkeit und Weiblichkeit vermischen. Beckham trägt gerne Sarong, einen Wickelrock, Schmuck, die Frisur nahezu im Monatsrhythmus anders und, wie Gattin Victoria verriet, auch mit besonderem Vergnügen ihre Unterwäsche auf. Zudem ist er grundsolide, zieht nicht um die Häuser, sondern wickelt das Baby. Dass er sich mit diesen modischen Vorlieben und dem ausgeprägten Familiensinn ausgerechnet im harten Gewerbe des britischen Fußballs, wo bislang gehobene Trinker wie Paul Gascoigne als Vorbilder taugten und die Schlagkraft von Vinnie, „die Axt“ Jones, als höchste Männlichkeitsattribute galten, dass sich also der androgyne Beckham in dieser Szene nicht zum Gespött machte, das hat er seinem rechten Fuß zu verdanken. Mit allem zusammen hat er alle geeint, die Mädels kreischen bei seinem Anblick, wie sie kreischten, als Mick Jagger noch 25 war, die englische Schwulengemeinde hat ihn zu ihrer Ikone erkoren, was ihn erfreut, weil er „geliebt werden möchte, egal ob von Mann oder Frau“, kürzlich wählte ihn eine TV-Station zum „most famous black man“, weil er auch der schwarzen Bevölkerung zur Ikone tauge mit seinen modischen Accessoires und den Hunden namens Puffy und Snoop (benannt nach zwei schwarzen Rappern), selbst die Queen heftete Beckham den Orden „Officer of the Empire“ an. Da mochten dann auch Amrit und Rabindra Singh nicht hintanstehen und malten die Familie in der Tradition ihrer Glaubensgemeinde, der Sikhs. David ist auf dem Bild als Hindu-Gott Shiva zu sehen, Victoria als Berggöttin Parvati und Brooklyn als deren Sohn Ganesh. Die drei, so die Künstler, seien eben „Persönlichkeiten, denen die Menschen nacheifern, gerade so wie Göttern in der hinduistischen Religion.“ Nun ja. Aber göttlich sind David Beckhams Flanken ja wirklich.

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